Wie Perlen kleben die prallen Knospen an den Ästen des Fliederstrauchs. Auf der Wiese kämpfen sich die Spitzen der Schneeglöckchen der Sonne entgegen. Die Rosen leuchten rot. "Der Feldsalat steht da wie eine Eins", sagt Irmgard Heinrich. Rund um ihr Haus in Frankenbrunn wächst und blüht es, als wäre der Frühling ausgebrochen - Anfang Januar.
Die 72-Jährige ist Kreisvorsitzende des Kreisverbandes für Gartenbau und Landespflege Bad Kissingen und macht sich Sorgen wegen des Wetters. "Der milde Winter ist für die Natur ganz schlecht."


Energie aus der Winterruhe

Die Knospen schützen die empfindlichen Blüten. Aber nur solange, bis diese aufgehen. Sinken die Temperaturen unter Null Grad, ist die Frucht verloren. "Die Bäume brauchen jahrelang, bis sie sich davon erholen", sagt Irmgard Heinrich. Dabei sei die Ruhephase im Winter für die Natur so wichtig. "In der Ruhe holt sie die Kraft, um sich wieder zu entfalten." Deshalb hofft sie, dass sich das Wetter bald ändert. "Eine Schneedecke wäre gut." Dann seien die Knospen isoliert und geschützt. "Ohne Frost erfrieren die Insekten nicht." Blattläuse, Frostspanner und andere Schädlinge überwintern im Boden und freuen sich, wenn es warm genug bleibt, dass sie überleben. "Später wird es dann vielleicht eine große Schneckenplage geben", sagt die 72-Jährige.

Hinter dem Haus hat sie eine Wiese mit 30 Obstbäumen. Äpfel, Birnen und Pflaumen wachsen dort. "Mit der Ernte versorge ich die halbe Siedlung", sagt sie und lacht. Einen so milden Winter habe sie bisher noch nicht erlebt. "Grüne Weihnachten gab es früher nie. Seit den 90ern gibt es immer weniger Schnee." Auch ihre 99-jährige Mutter könne sich nicht daran erinnern, dass es Anfang Januar einmal so warm war. "Ich führe das auf den Klimawandel zurück. Es hat sich alles verschoben", sagt Irmgard Heinrich. "Die Pflanzen und Tiere wissen gar nicht was los ist." Alles spiele verrückt, doch ändern könne daran niemand etwas. "Wir können nur abwarten."


Vögel fühlen sich hier wohl

Für Franz Zang ist das Wetter zwar ungewöhnlich aber nicht tragisch. "Die Natur hat schon immer mit starken Schwankungen leben müssen", sagt der Vorsitzende der Kreisgruppe des Bund Naturschutz Bad Kissingen. Er beobachtet Veränderungen in der Vogelwelt: "Viele Vögel fliegen gar nicht mehr weg." An den Vogelhäusern vermisse er außerdem Tiere aus dem Norden. Franz Zang nimmt an, dass sich der milde Winter auf lange Sicht ausgleicht.

"So extrem habe ich das noch nicht erlebt", sagt Hubert Steigerwald, Revierleiter im Bad Kissinger Forst. Seit Wochen beobachtet er Dauerregen, statt Eis und Schnee. Das macht sich im Wald bemerkbar: Die Holzernte ist momentan eingestellt. "Das Wetter ist eine absolute Problematik." Auf dem aufgeweichten Untergrund ist derzeit nicht ans Holzrücken und an den Abtransport zu denken, ohne Schäden zu hinterlassen, erklärt er. "Der Bodenschutz hat immer Vorrang." Auch wenn er so kein Holz liefern kann und die Kunden vertrösten muss. "Wir brauchen erst Frost, dann können die Rückearbeiten weitergehen", sagt Hubert Steigerwald.


Zu früh dran

Dem Revierleiter macht das Wurzelwachstum der Nadelbäume Sorgen. "Die Wurzeln können nicht verholzen. Durch den Wind reißen feine Wurzeln ein." Eine Einladung für schädliche Pilze. Wenn Hubert Steigerwald im Wald unterwegs ist, wundert er sich über pfeifende Vögel. "An den Südrändern fängt die Haselnuss an zu blühen." Die sei eigentlich erst im März soweit. "Es ist alles um mindestens vier Wochen verschoben."

Georg Scheuring beunruhigen die Temperaturen nicht. Er ist Leiter der Bad Kissinger Geschäftsstelle des Bayerischen Bauernverbandes in Oberthulba. "Es ist zwar ungewöhnlich warm, das fällt auf, aber momentan macht sich noch niemand Sorgen", sagt er. Milde Winter habe es schon in den 90er-Jahren gegeben. "Es ist noch alles im grünen Bereich. Gefährlich wird es erst, wenn das Wetter schlagartig umschwenkt." Die Temperaturen müssen langsam zurückgehen, damit die Pflanzen nicht geschädigt werden, erklärt Georg Scheuring. Das sei gerade die große Frage. "Wir hoffen, dass die Temperaturen gemächlich absteigen." Auch vom Wind hänge es ab, der die gefühlten Grade beeinflusse, die auch die Pflanzen spüren. "Bei trockenem Ostwind reichen dann schon geringere Frostwerte", sagt der Nebenerwerbslandwirt aus der Nähe von Arnstein.

Georg Scheuring wünscht sich Frost für diesen Winter. "Damit Schädlinge und Virusüberträger abgetötet werden." Folgen mehrere milde Winter hintereinander, können die ansonsten zur Gefahr für die Ernte werden. "Das Problem schaukelt sich dann auf, weil nie alle Schädlinge sterben, sondern immer neue schlüpfen." Der Frost habe außerdem "günstige Auswirkungen auf die Bodenstruktur". Auch Schnee sei wichtig: "Der isoliert und schützt die Pflanzen."

Irmgard Heinrich befürchtet, dass das Sprichwort "Im Märzen der Bauer sein Rösslein anspannt" seine Bedeutung verliert, wenn sich das Wetter künftig so einpendelt.