Vielleicht war die Ankündigung, dass David Garrett in den Großen Saal kommen würde, doch etwas kurzfristig. Denn erstaulicherweise waren, als der Kultgeiger und sein Pianist, der Franzose Julien Quentin, unter starkem Jubel auf der Bühne erschienen, im Grünen Saal noch eine ganze Reihe Plätze frei. Das war neu. Normalerweise gibt es da Wartelisten der Zukurzgekommenen.

Aber ansonsten war alles wie immer. Das Publikum ist ein erheblich anderes als bei den übrigen Kissinger-Sommer-Konzerten: Es ist im Durchschnitt deutlich jünger und dadurch spontaner, begeisterungsfähiger. Zu David Garrett konmmen auch Leute, die sonst ihren Fuß nicht über die Schwelle des Regentenbaus setzen würden. Er hat ein Publikum, das sich auf ihn fixiert hat - wobei er allerdings auch im Ausland nicht ganz so hoch gehängt wird wie in Deutschland.

Der 36-Jährige macht aber auch - jenseits des Geigenspiels - eines entscheidend richtig: Er versteht sein Musizieren nicht als hoheitlichen Akt der Gnade, als ein möglichst störungsfreies Abliefern und dann Wieder-Verschwinden, sondern er hat begriffen, dass ein Konzert keine Einbahnstraße ist. Er ist ein Kommunikator, der sein Publikum anspricht, der es mitnimmt, der es auch einmal zum Lachen bringt, der die Situation entkrampft.


Geborener Moderator

Und der gerne erklärt, warum er welches Stück als nächstes spielt, welche persönlichen Beziehungen er dazu hat. Er hätte auch Moderator werden können. So wissen wir jetzt auch (Buchhändler aufgepasst!), dass er gerade an seiner Biographie schreibt - das kann nach 36 Jahren freilich nur der erste Band sein. Und beim Schreiben ist ihm die Idee gekommen, die Stücke zu einem Programm zusammenzustellen, die sein Leben bisher begleitet und und wohl auch geprägt haben. Den "Soundtrack meines Lebens" nennt er das.

Da wird man dann aber schon ein bisschen stutzig. "Zugabe" ist das Konzert überschrieben, einer der beiden Nachschläge, mit denen drei Monate nach dem 31. Kissinger Sommer die Intendanz von Dr. Kari Kahl-Wolfsjäger endet. Aber man hätte auch noch einen Buchstaben anhängen können: "Zugaben" hätte man es auch nennen können. Denn wenn man es recht bedenkt, begann das Konzert zwar mit der etwas sperrigen A-dur-Sonate von César Franck, einer Reminszenz an den Geiger Isaac Stern, aber was dann folgte, waren zwölf Rosinen aus dem großen, unerschöpflichen Fundus der Zugaben, zwölf Stückchen im Vier-Minuten-Takt. Gut, die "Lé- gende" op. 17 von Henryk Wieniawski, eine Erinnerung an Garretts Lehrerin Ida Haendel, dauert etwas länger.


Da muss doch mehr gewesen sein

Aber das kann doch nicht alles gewesen sein. Sollten wirklich Nummern wie Sarasates "Romanza Andaluza", Montis "Csardas", Kreislers "Corelli-Variationen" oder Rimski-Korsakovs "Hummelflug" der Soundtrack seines Lebens gewesen sein oder noch sein. Gab es da wirklich nichts anderes als diese Animationsmusik, die nur dem Virtuosen ein Trittbrett liefert? Im vergangenen Jahr hat David Garrett - auch da mit Julien Quentin - die drei Brahms-Sonaten gespielt. Da hat er einen Teil des Publikum, das eher eine Show erwartet hatte, und auch sich selbst ein bisschen überfordert. Jetzt ist das Pendel in das andere Extrem ausgeschlagen.

Obwohl die Franck-Sonate schon an den Vorjahresbrahms erinnerte. Technisch ist David Garrett über jeden Zweifel erhaben. Es gibt viele gute Geiger, die schlechter sind als er - aber auch einige bessere. Und er hat einen schönen, sparsam vibrierenden Ton, der Spaß machen kann. Aber in der Artikulation, in der Gestaltung bleibt er indifferent, distanziert. Die Franck-Sonate hat das Problem, dass sie mit vielen Wiederholungen arbeitet. Da hätte eine stärkere Differenzierung ganz gut getan, da hätte er einfach nur stärker auf Julien Quentin hören sollen, der diese emotionalen Bögen erfahrbar gestaltete. Zu Wieniawskis "Légende" hatte er in dieser Hinsicht einen engeren Kontakt.


Eine Stunde Effekte

Aber dann kam nach der Pause die "Zugabenstrecke", und da ging es nicht mehr um Emotionalität, sondern um Effekte und um Virtuosität. Und hier war Quentin nur noch als "Akkordspender" gefordert. Garrett hatte nicht nur Höchstschwierigkeiten ausgewählt; die spektakulären Pizzicato-Kaskaden, die etwa Paganini so liebte, waren absolute Seltenheit.

Gut, bei dem Marsch aus Prokofieffs Oper "Die Liebe zu den drei Orangen" in Jascha Heifetz' Arrangement konnte er mal die komödiantische Sau rauslassen, aber ansonsten waren die Stücke ziemlich austauschbar. Und wenn man etwas bewundern konnte, dann war es die gelassene Routine, mit der David Garrett spielte. Aber viel Bleibendes, auch geistig Forderndes ist - außer ein paar vergänglichen Ohrwürmern - nicht dabei herausgekommen. Ins Schwitzen geraten ist an dem Abend niemand.