Das Geschehen in der Ukraine, die Not der Menschen, Flucht, Nachrichten über Panzer und Waffen - all das weckt Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg. Viele der älteren Einwohner des Landkreises haben ihn hautnah miterlebt und sehen nun Bilder, die sie an ihre Kindheit oder Jugend erinnern.

Manche wurden vertrieben, fast alle mussten sich mal vor Bomben im Keller verstecken, viele kennen den Anblick von zerbombten Städten. Die Redaktion hat sich in den Seniorenheimen des Kreises umgehört: Wie äußert sich das, wie geht das Personal damit um?

Seniorinnen und Senioren reagieren unterschiedlich

Jürgen Schmidbauer leitet den Betreuungsbereich des Seniorenheims Dr. Maria Probst in Hammelburg. Er und sein Personal haben viel persönlichen Kontakt mit den Seniorinnen und Senioren: Sie leiten gemeinsame Aktivitäten an. Aus seiner Erfahrung wird der Krieg bei den Bewohnerinnen und Bewohnern sehr unterschiedlich wahrgenommen: "Die einen erzählen viel von der Kindheit, manche äußern sich aber auch gar nicht dazu."

Am Anfang sehr betroffen

Gabriele Eck aus der Betreuung des Münnerstädter Seniorenzentrums St. Elisabeth bemerkte, dass die Seniorinnen und Senioren vor allem am Anfang sehr betroffen gewesen seien. Sie hätten sich Sorgen gemacht, viele hätten ja den Krieg miterlebt. Das sei mittlerweile aber wieder etwas abgeflacht.

Eine Betreuungskraft aus dem Beschäftigungsangebot des Haus St. Gertrudis in Bad Kissingen sagt: "Es ist so, dass wir zu Kriegsbeginn dazu angehalten wurden, das Thema nicht ständig zu thematisieren. Man befürchtete, dass die Menschen zu sehr daran erinnert werden."

Krieg ist nicht so Thema wie Pandemie

Präsent ist das Thema trotzdem: "Es kommen schon Fragen, es geht um die armen Leute im Krieg und wie es ihnen damals ging." Die Seniorinnen und Senioren sprächen jedoch nicht so viel miteinander über den Krieg in der Ukraine, wie sie das erwartet hatte.

"Es ist wohl eher so, dass man das nicht wieder hervorholen möchte." Es seien ja durchwegs negative Erlebnisse gewesen, die sie gemacht hatten. "Es ist schon ein Thema, aber nicht dominierend wie die Pandemie zum Beispiel."

Wie damit umgehen?

Diskussion um das Zeitgeschehen gibt es in den drei befragten Seniorenheimen in der Zeitungsrunde. Hier lesen die Betreuungskräfte Artikel vor oder reißen sie an. Im St. Gertrudis lesen sie eher die fröhlichen Texte, sprechen über die positiven Geschichten.

Ähnlich ist das Vorgehen im Hammelburger Heim: Berichte über den Krieg lassen sie weg, schalten auch den Fernseher lieber nicht an. "Wir sprechen es nicht extra an, wir haben uns vorgenommen, das einfach auszulassen", sagt Schmidbauer. Vor allem im Zusammenhang mit Demenz sei nie abzusehen, wie die Menschen darauf reagieren.

Manche würden sich aber von sich aus informieren und dann darüber sprechen. Wenn er Redebedarf wahrnimmt, hört Schmidbauer natürlich zu.

"Die Leute möchten informiert werden"

Im Münnerstädter Seniorenheim bemerkt Gabriele Eck das Interesse an diesem Thema, Artikel zum Krieg würden besprochen: "Die Leute möchten informiert werden. Wenn man die Senioren gut kennt, kann man schon abschätzen, was man vorlesen kann."

Die meisten holten sich ihre Infos sowieso selbst aus den Medien. "Wir holen die Bewohner da ab, wo sie sind. Wenn es Redebedarf gibt, lasse ich sie reden." Auch gemeinsame Gebete seien eine Art des Umgangs.

Eck merkt, wie die Erlebnisse von damals wieder aufkommen: "Wir sind ja eine größere Gruppe in der Zeitungsrunde, dann erzählen verschiedene Leute etwas. Der eine hat mehr erlebt, der andere weniger, sie reden von Bombenabwurf, wie sie im Keller ausharrten, die Fenster zum Schutz abgehängt haben. Oder sie erinnern sich an die Lebensmittelmarken, an die Verwandtschaft, die aus den Städten kamen, von gefallenen Brüdern, Vätern oder gar Ehemännern."

Parallelen zeigen sich

Sie würden die Parallelen zur jetzigen Situation erkennen. Es heißt, es war doch schon Krieg, es war doch so schlimm. Die Menschen könnten doch klüger werden. Auch Jürgen Schmidbauer hört von diesen Erlebnissen: "Ich bin selbst auch erschrocken, was die Menschen alles erlebt hatten", sagt er. Auch von Vergewaltigungen sei ihm berichtet worden.

Dass die Bewohnerinnen und Bewohner durch die Situation stark verängstigt seien, nimmt er jedoch nicht wahr. "Da sind es eher wir, die sich fürchten", bemerkt er. Falls sich da etwas zeigen sollte, würden er und sein Team das natürlich aufgreifen. Noch seien die Seniorinnen und Senioren auch noch nicht direkt vom Geschehen betroffen. Das könne sich ändern, wenn beispielsweise die Lebensmittel knapper werden.