Bad Kissingen — Das Irrational-Unheimliche hat ja seit einiger Zeit wieder Konjunktur. Und so passt die von den Machenschaften des Christlich-Guten und des Naturreligiös-Bösen handelnde "Romantische Oper" Carl Maria von Webers, "Der Freischütz" wieder ganz gut in unsere Zeit der Mayakalender und Wunderkügelchen.
Mit teuflischen Freikugeln will der zutiefst depressive, weil beruflich glücklose Jungjäger Max sich von Kaspar, seinem verderbten und heimtückischen Rivalen um die Gunst der Försterstochter Agathe, aus seiner Schuss- und Treffproblematik heraushelfen lassen und verliert, da hinter dessen Freikugel-Depot natürlich der teuflische Samiel steht, beinahe alles, Agathe und seinen Job. Wäre da nicht ganz am Ende der Eremit, der das christliche Gebot der Nächstenliebe, das Verzeihen auch eines Pakts mit dem Teufel einfordert und so das Happy End der Geschichte rettet.

Orchester agierte störungsfrei

In einem sehr gefälligen, nach vorne schräg gestellten Guckkasten, der sich von hinten und allen Seiten beleuchten ließ und an die sorgfältig ausgemalten Kinderbücher des 19. Jahrhunderts erinnerte (Bühnenbild und Kostüme: Klaus Hellenstein), gastierten die Tschechische Oper Prag und die Oper Liberec mit dieser Ikone deutscher Romantik beim Theaterring im Kurtheater. Sie hatten ein kleines Orchester mitgebracht, das gerade so in den winzigen Orchestergraben des Kurtheaters passte und unter der Stabführung von František Babický sehr vorsichtig und gerade bei den in dieser Oper so gefährdeten Hörnern mit den populären Melodien dieser Oper störungsfrei umging. Doch wirkte dadurch so manches nicht so mitreißend, wie es die Ohrwürmer dieses Werks eigentlich verdient haben. Die Oper ja eigentlich ein Singspiel mit 14 Musiknummern und gesprochenen Zwischentexten. Und so war es an diesem Abend spannend, die Fassung von Hector Berlioz zu hören, der die Sprechpassagen durch durchkomponierte Rezitative ersetzte und diese recht raffiniert in Webers Komposition einfügte.

Text blieb oft unverständlich

Das enthob die tschechische Truppe natürlich auch der selbst in den größten Häusern feststellbaren Peinlichkeit, dass beim Sprechen noch evidenter wird, wie schwierig die Aussprache der "schrecklichen deutschen Sprache" (Mark Twain) ist. Ttrotz der wackeren Bemühungen der tschechischen Gäste hätte man sich - wie es in Berlin auch in deutschsprachigen Opern immer häufiger wird - Übertitel gewünscht hätte, um dem Text besser folgen zu können.
Regisseur Werner Pichler inszenierte die Handlung als Folge von großen Bilderbögen, gerade die volkreichen Chorszenen hielt er dabei mit einer durchdachten Choreographie in Bewegung; der Auftritt der etwas in die Jahre gekommenen Brautjungfern war ein sehr nettes ironisches Schmankerl. Aber die Einzelregie ließ etwas zu wünschen übrig, vor allem die Soloarien Agathes gingen über die konventionelle Gestik einer konzertanten Aufführung nur wenig hinaus. Auch ein wenig zu spartanisch für die Sehlust des Zuschauers geriet der größte Teil der Wolfschluchtszene, der eine raffiniertere Lichtregie gut getan hätte.
Pichlers Hauptaugenmerk galt, wie auch im Programmheft zu entnehmen, der Darstellung der guten und bösen Mächte, zwischen denen sich Max hin und hergerissen sieht. Diese Mächte veranschaulichte Pichler durch einen weißen Herrn in Anzug und mit Koffer und sein schwarz gewandetes Gegenstück, die Max ständig begleiteten. Zwischen all den Genre-Kostümen der anderen verwiesen sie als Fremdkörper in unsere Zeit und konnten sich in den entsprechenden Szenen dann in den ‚schwarzen Jäger‘ Samiel (Pavel Hejl) und den guten Eremiten (Ivaylo Guberov), ansonsten zwei eher unbefriedigend kleine Rollen verwandeln.

Fremdsprache als Handicap

Bei den Solisten schien sich das Handicap der fremden Sprache, die Konzentration auf die fremde Aussprache, sehr stark auf die Spiellust auszuwirken. Ihre Distanziertheit und Vorsicht machte es dem Publikum schwer, sich einfach mitreißen zu lassen.
Jaroslav Patočka als Erbförster Kuno und Pavel Vančura als böser Jägerbursche hatten es wie Mikaela Katráková als Ännchen aufgrund ihrer verständlicheren Artikulation und Ansätzen einer Bühnenpräsenz leichter, ihre Rollen plausibel zu verkörpern als die beiden Protagonisten, zumal Patočka auch mit einem recht imposanten Bass, die anderen mit sehr ordentlichen Stimmen aufwarten können. Beim bis auf extreme Höhen und unter Zuhilfenahme mancher Abkürzungen brauchbaren und teilweise schön geführten Tenor von Luca Martin war der musikalische Teil der Rolle des Max recht gut aufgehoben, doch sowohl er als auch die mit sehr genau geführtem und manchmal anrührend schönen Sopran singende Gabriela Kopperová als Agathe konnten sich nur schwer ins emotionale Interesse der Zuschauer vorarbeiten, da sie auf der Bühne oft allzu verhalten wirkten.
So hat die tschechische Truppe den lang anhalten Beifall mit einigen Bravos durchaus verdient, aber zu einem rundum befriedigenden glänzenden Opernabend fehlte es bei ihrem Gastspiel doch an dem berühmten Tüpfelchen auf dem i. kag