Jetzt ist er also endgültig zu Ende, der 31. Kissinger Sommer, und zwar mit einem Ausrufezeichen: Lang Lang gab ein Klavierrecital im brechend vollen Großen Saal. Und damit endete auch die 30-jährige - nein, eigentlich 32-jährige Intendanz von Dr. Kari Kahl-Wolfsjäger - durchaus ein Rekord in der deutschen Festival-Szene. So war es kein Wunder, dass es am Ende etwas emotionaler zuging als bei den vorausgegangenen Fetivalabschlüssen.

Lang Lang
weiß, was er Kari Kahl-Wolfsjäger zu verdanken hat. Immerhin war sie es, die den damals 22-Jährigen 2004 zu seinem Europa-Debüt aus den USA nach Bad Kissingen geholt hat. Und sie waren seitdem immer in Kontakt, nicht nur bei den Konzerten, die er in den letzten Jahren im Großen Saal gegeben hat. Und sie hat ihm Bad Kissingen schmackhaft gemacht.

So galten ihr auch seine Abschiedsworte beim Schlussapplaus, mit denen er sich für diese Freundschaft bedankte, und auch die erste Zugabe: Franz Liszts "Liebestraum". Erst die zweite ging ans Publikum - "now I have a piece for you": George Gershwins lustvoll krachendes Prelude. Mehr gab's nicht, das musste reichen.


Erstaunliche Entwicklung

Und vorher? Da saß man da, hörte ihm zu und zog so eine Art Zwischenbilanz - immerhin hat sich Lang Lang ja nicht von seinem Publikum verabschiedet. Und da konnte man plötzlich staunen, wie rasant und wie weit sich der junge Mann in den letzten zwölf Jahren entwickelt hat. Man dachte an den 22-jährigen Heißsporn bei seinem ersten Auftritt, der Tempo mit Musik verwechselte. Man erinnerte sich an den legendären Liederabend mit Cecilia Bartoli, als er brav an seinem Flügel saß und nicht wirklich wusste, was er eigentlich tun sollte.

Und jetzt? Technisch souverän war Lang Lang ja schon immer. Aber er hat in den letzten Jahren die Freiräume, die diese Souveränität ihm ließen, klug genutzt, hat sich beraten lassen, hat sich selbst weiter vorangebracht. Man denke nur an seine Zusammenarbeit mit Nikolaus Harnoncourt, die sein Mozart-Verständnis nachhaltig geprägt hat. Er kann heute noch unglaublich schnell und sicher spielen, aber er kann mit seiner Musik jetzt darüber hinaus auch Geschichten erzählen. Lang Lang hatte ein klug zusammengestelltes Programm mitgebracht, und er begann mit einem so gut wie nie gespielten Werk, der Ballade slave von Claude Debussy, die dieser 18-jährig als Klavierlehrer der Töchter von Nadeshda von Meck, der großen Tschaikowsky-Mäzenin geschrieben hat. Lang Lang machte deutlich, dass hier ein Werk am Beginn einer persönlichen Stilsuche stand. Er spielte mit den schillernden Klangfarben, aber doch noch auf einer stark geerdeten Basis.

Die große h-moll-Sonate von Franz Liszt haben beim Kissinger Sommer schon einige Pianisten gespielt (erstaunlicherweise keine einzige Pianistin). Es waren wirklich große Namen darunter - aber er machte sie alle zu Statisten. Noch nie hat ein Pianist so deutlich gezeigt, was Liszt mit dieser Fantasie-Toccata - eine echte Sonate ist sie ja nicht - eigentlich wollte: die Musik an die Grenzen des Klaviers führen. An seine Kollegen dachte er dabei nicht, musste er auch nicht. Mit Lang Lang rechnen konnte er nicht. Mit unglaublicher Präzision und Vollständigkeit ging er an die Grenzen, mit einer phantastischen Dynamik und Agogik und mit überraschenden Klangfarben und Kontrasten zerlegte er das Werk, um es absolut schlüssig wieder zusammenzusetzen.


Extreme Intensität

So wurde die Architektur der Sonate deutlich, obwohl sich Lang Lang alle Freiheiten der Gestaltung und auch der Modernisierung nahm. Da entwickelte er bedrängend gespenstische Stimmungen und beklemmende Verdichtungen sogar in der Fuge. Da wurden die Allegro-energico-Abschnitte zu verjazzten Akkordblöcken, da überraschte er ständig die gewohnten Hörerwartungen. Selten konnte man bisher eine derart persönliche Interpretation dieses gewaltigen Werkes hören.

Der zweite Teil des Abends ging an das spanische Dreigestirn Isaac Albéniz mit sechs Sätzen aus der Suite Espanola, Enrique Granados mit zwei Sätzen aus den Goyescas und Manuel de Falla mit dem Feuertanz aus dem Ballett "El amor brujo". Lang Lang scheint diese Musik zu lieben: Er zelebrierte sie genüsslich zupackend, mit rythmischen Spannungen bis kurz vor dem Zerreißen, wiederum mit wunderbaren Klangfarben und gut dosierten, aber immer am oberen Rand marschierenden Tempim mit pfiffigem Anschlag und ohne jeden technischen Vorbehalt. Man konnte wieder einmal feststellen, dass die Musik der drei Spanier in der originalen Klavierfassung (Manuel de Falla hat seinen orchestrierten Feuertanz selbst für Klavier bearbeitet) wesentlich interessanter und spannender ist als in den sattsam bekannten Einspielungen für eine oder mehrere Gitarren. Und man konnte sehr schön die Unterschiede in den Charakteren der Komponisten erkennen. Granados etwa komponierte wesentlich intellektueller als der bodenständigere, folkloristisch deutlichere Albéniz. Das pointierte Spiel von Lang Lang hatte enormen Pfiff und Witz, aber ein bisschen auch den herben Charme des Machismo. Ein gewaltiger Abschluss des Festivals in seiner 31. Auflage. Aber: Nach dem Kissinger Sommer ist vor dem Kissinger Sommer.