"Wunschdenken", sagt Peter Schönfelder, Pressesprecher der Agentur für Arbeit in Schweinfurt. Dass die Flüchtlinge von heute die Fachkräfte von übermorgen sind, das halte er für schwierig. Schwierig vor allem deswegen, weil es zu kurzfristig gedacht ist. Denn: "Die Sprache ist das A und O." Und ein Deutschkurs dauert nun mal seine Zeit, mindestens ein Jahr. Wahrscheinlich sogar länger. Mit Sicherheit jedenfalls, werde das nichts bis zum Ausbildungsstart im September 2016.

Der Bezirksverband Mainfranken der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) forderte jüngst: Dass Flüchtlinge im Kreis Bad Kissingen gute Chancen im Handwerk bekommen sollen - und nicht nur als Hilfsarbeiter eingesetzt werden. Die entsprechende Unterstützung, so Hans Beer, Regionalleiter Franken, müsse aus Wirtschaft und Politik gleichermaßen kommen. Die Handwerkskammer wirbt mit dem Slogan: "Bei uns zählt nicht, wo man herkommt. Sondern wo man hinwill." Forderungen, die in der Politik durchaus angekommen sind.


Berufseinstieg übers Handwerk

Auf dem EU-Gipfel am vergangenen Wochenende in Brüssel hat Bundeskanzlerin Angela Merkel betont, dass bei Flüchtlingen mit Bleiberecht sofort geschaut werden müsse, welche beruflichen Fähigkeiten sie mitbrächten. Gute Chancen für einen Berufseinstieg sieht auch Merkel vor allem im Handwerk.

Diese Chancen sieht auch Harald Kolb, stellvertretender Geschäftsführer des Jobcenter Bad Kissingen. Aber eben auch die möglichen Probleme. "Seit Mitte des vergangenen Jahres stehen wir mit Maßnahmen bereit", sagt Kolb. Maßnahmen wie Betriebspraktika oder eine Heranführung an einen Beruf mit gleichzeitiger Vertiefung der Sprachkenntnisse.

Dass die Handwerksbetriebe in Bad Kissingen von den Flüchtlingen einmal profitieren können, kann sich Kolb vorstellen. "Es gibt einige Betriebe, die schon lange versuchen, ihre Lehrstellen zu besetzen oder Fachkräfte zu bekommen." Im vergangenen Jahr blieben im Landkreis Bad Kissingen 76 Ausbildungsstellen unbesetzt - die meisten bei Malern und Lackierern, gefolgt von Bäckereifachverkäufern, Friseuren und Elektronikern.

Gut zehn Betriebe aus dem Landkreis haben sich in den vergangenen Monaten beim Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur Schweinfurt gemeldet und sich für die Ausbildung von Flüchtlingen registriert. "Es ist keine Massenerscheinung", sagt Schönfelder. Oft sind es Maurer oder Bäcker.


Politik als Unsicherheitsfaktor

Werner Paltian ist Kreishandwerksmeister und Inhaber einer Schreinerei in Volkers. "Wir haben laufend Kontakt zu den Betreuern der Asylbewerber vor Ort." Er selbst hatte einen Flüchtling als Praktikanten, er wäre wohl auch für eine Ausbildung in Frage gekommen, dann wurde sein Asylantrag abgelehnt.

Das ist der eine Unsicherheitsfaktor: die Politik. Der andere ist der Mensch: Ein täglicher Arbeitsbeginn um 6.55 Uhr und ein teils forderndes Arbeitspensum: "Das haben noch nicht alle drauf", sagt Paltian. "Eine andere Sprache, eine andere Mentalität." Viel mehr bleibt auch nicht zu sagen.

Nun gehören zu einer Ausbildung immer zwei Parteien; die Bereitschaft eines Unternehmens, Flüchtlinge einzustellen ist nur die eine Seite, die andere ist der Wille bei den Flüchtlingen selbst. Viele, sagt Schönfelder, wollen hier in Deutschland erstmal Geld verdienen - vor allem um die Familie zu Hause zu unterstützen.

Ein Ausbildungsgehalt von einigen Hundert Euro ist da meist nicht genug. "Wir müssen oft Überzeugungsarbeit leisten", sagt er. "Man muss den Flüchtlingen klarmachen, dass es sich langfristig lohnt, eine Ausbildung zu machen."
159 anerkannte Flüchtlinge über 15 Jahren hat das Jobcenter derzeit im Landkreis registriert. 33 davon nehmen an Integrations- oder Alphabetisierungskursen in Bad Kissingen und Bad Brückenau teil. 75 davon stehen noch auf der Warteliste. "Es gibt momentan zu wenig Lehrer für die Stunden", sagt Kolb.
Kommentar

Es wird nicht einfach. Das sagen die Zahlen - 70 Prozent der eingestellten Flüchtlinge brechen ihre Ausbildung ab - das sagt aber auch der gesunde Menschenverstand. Was sind das für Stellen, die den Flüchtlingen angeboten werden? Die Stellen, die sonst keiner machen will.
Dass man dafür dann nicht die Besten der Besten erwarten kann, ist nur all zu verständlich. Integration ist Arbeit. Arbeit auf beiden Seiten.
Und wer hier arbeiten möchte, muss sich dann auch daran halten, dass ein Arbeitsbeginn morgens um sieben nicht auf neun auszudehnen ist. Dass das Arbeitspensum höher und der Ton mitunter rauer ist.
Und wer einen Flüchtling einstellt, der muss sich dann auch darauf einstellen, dass dieser junge Mensch in seinem bisherigen Leben mitunter nichts anders erlebt hat als Krieg und Zerstörung und dessen größtes Problem bislang war, wie er den nächsten Tag überlebt und nicht die Jahresurlaubsplanung. Eine andere Mentalität zu verinnerlichen, dauert länger als jeder Sprachkurs. Das erfordert Geduld. Und das Bewusstsein, dass auf beiden Seiten nur Menschen stehen.
Das ist nicht einfach, aber es ist auch nicht unmöglich.