Unter den zeitgenössischen Bühnenautoren ist es vor allem Eric-Emmanuel Schmitt, der sich nicht scheut, auch die großen Themen unserer Zeit anzupacken. Er ist von Haus aus Philosoph und ließ schon auf der Bühne einen jüdischen Jungen und einen muslimischen Kaufmann über Religion diskutieren oder Sigmund Freud mit Gott verhandeln.
In "Einsteins Verrat" greift er das Thema der Physiker auf, die nach Einsatz der Atombombe nach ihrer Verantwortung für den Tod von 100 000 Menschen im eigentlich besiegten Japan befragt wurden.
Albert Einstein war nicht beteiligt an ihrem Bau, doch ließ er sich als Flüchtling vor Hitlers Deutschland in den USA dazu bringen, Präsident Roosevelt dazu aufzufordern, eine Atombombe bauen zu lassen, damit Hitler sie nicht als Erster hätte. Und das als bekennender und bekannter Pazifist. Hier setzt der Autor an und lässt das Genie auf einen, wie es zunächst scheint, absolut unpassenden Gesprächsteilnehmer treffen.


Einstein ist verblüfft

Nach dem Segeln am Strand von New Jersey spricht ihn ein auf einen dort in seinen wenigen Habseligkeiten sitzender Vagabund an, der sich respektlos über seine Segelkünste und seine Kleidung lustig macht. Einstein ist verblüfft, dass ihn mal einer nicht erkennt, und auch als er ihn aufgrund eines Zeitungsbildes dann doch als Weltgenie identifiziert, ihn keineswegs als Celebrity hofiert. Bald können die beiden sich kabbeln, miteinander blödeln, miteinander die Vollmondnacht genießen und erzählen, wobei seine zufällige Strandbekanntschaft Einstein schonungslos kritisiert.
Das ist natürlich ein Stück, das zunächst einmal vom Gespräch lebt und in das hat Autor Schmitt neben vielen eigenen witzigen Ideen berühmte Einsteinzitate eingebaut wie: "Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher" oder: "Wenn einer mit Vergnügen in Reih und Glied marschieren kann, dann hat er sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde."


Der Zukunft beraubt

Trotz der Gründe für die Lebensverweigerung des Vagabunden, dem Tod seines Sohnes im Ersten Weltkrieg, der ihn einer Zukunft beraubt hat, und dem Verlust seines Arbeitsplatzes, der ihm seine Gegenwart genommen hat, ist der noch immer ein bekennender und sehr amerikanischer Patriot und gerät so zwangsläufig mit dem pazifistischen Genie in die Haare. Stolz auf seinen Zufallsbekannten, bald Freund, ist er erst, als der den berühmten Brief an den amerikanischen Präsidenten schreibt, und ihn um den Bau der Atombombe bittet.
Der dritte Mann im Stück ist Simpson, FBI-Agent. Er beobachtet das seltsame Einverständnis zwischen dem Physikergenie und dem abgerissenen Strandbewohner. Immer wieder sucht er den auf und versucht, aus ihm herauszubekommen, ob Einstein nicht doch ein Kommunist ist. Der zu Sesshaftigkeit gezwungene Aussteiger lässt sich nicht wirklich aushorchen und Einstein kapiert nie, welche Rolle dieser Schatten spielt. Einstein erzählt seinem Kumpel völlig arglos Persönliches: von den vielen Bittbriefen europäischer Juden, von seinem Frust, weil man ihn nicht gefragt hat, ob er beim Atombombenbau mitarbeiten will, und der Freund ist auch der Erste, der seinen Brief an den Präsidenten in Händen hält. Und er schont ihn nicht beim Aufdecken all der Widersprüche, in die sich er sich verstrickt hat. Von solcher Rede und Widerrede lebt das Stück, diese privaten Ansichten eines Genies gegenüber einem Obdachlosen machen es interessant.


Scheinidylle

Und für diese sehr intime Sicht auf das Lebensdilemma eines Genies hat Regisseur und Bühnenbildner Paul Bäcker die Scheinidylle eines grünen Hügels am Strand von Jersey auf die Bühne gebaut; da rauschen die Wellen, zirpen die Grillen und schreien die Möwen. Und er hat mit genauer Personenregie die beiden Protagonisten in Bewegung gehalten und durch geschickte Lichtgestaltung stimmungsvolle Bilder trotz der Reduzierung auf wenige Requisiten geschaffen. Allerdings konnte all dies im ersten Teil nicht so ganz den Eindruck eines Thesenstücks mindern, auch weil Volker Brandt als Vagabund und Matthias Freihof als Einstein hier noch nicht wirklich in ihre Rollen gefunden hatten (obwohl oder gerade weil sie sie schon seit einiger Zeit spielen).
Das änderte sich nach der Pause, hier standen zwei faszinierende Gesprächspartner, Freunde, widerständige Diskutanten auf der Bühne, verbunden durch gemeinsames Alterns, die über Jahre einander nahe gekommen waren. Hier gab es intensive Momente, die das doch etwas kitschige Schlussbild mit dem im Hintergrund Geige spielenden, schon fast weltabgewandten Genie und dem im Vordergrund sitzenden, den endgültigen Abschied durchleidenden Freund nicht unbedingt nötig gemacht hätten.


Berührende Freundschaft

Die beiden Herren brachten durchaus rüber, was Schmitt mit diesem Stück vermitteln wollte: In einer ungewöhnlichen und sehr privaten Situation werden Themen wie das Dilemma der Physiker angesichts der Atombombe, der Generalverdacht gegenüber allen Asylanten in Amerika nach Kriegsende und das Scheitern eines naiven Pazifismus in den berührenden Rahmen einer Freundschaft zweier ungleicher, aber sich als absolut gleichwertig erweisender Partner dargestellt.
Den sowieso etwas klischeehaften Agenten Simpson spielte Einspringer Daniel Heck für den erkrankten Mathias Harrebye-Brandt als hektischen Störenfried, der auch bei seinem Jubelgeschrei zum Sieg über Japan mithilfe der beiden Atombomben am Ende nicht so wirklich Bühnenpräsenz wie sein Kollege Volker Brandt gewinnen konnte. Auch Mathias Freihof wirkte als Einstein anfangs zu wenig kantig, etwas blass; das resignierte, von Alter, Einsicht in sein Versagen und Krankheit gezeichnete Genie spielte er dann wesentlich beeindruckender.
Das Publikum applaudierte sehr lange, holte die drei Akteure immer wieder auf die Bühne, was diese zu überraschen schien, denn einfache Kost hatten sie ihm nicht geboten.