Klavierduos sind eine verhältnismäßig seltene Erscheinung. Umso erfreulicher, dass sogar in dem corona-gerupften Kissinger Sommer 2021 eine solche Formation kam, und das nicht nur, um eine dunkle Ecke zu füllen, sondern an herausgehobener Stelle: Gülru Ensari und Herbert Schuch musizierten im Max-Littmann-Saal Klavierwerke zu vier Händen und an zwei Flügeln.

Über die Perfektion ihres Zusammenspiels musste man sich keine Sorgen machen: Sie können gemeinsam zu Hause üben. Und sie begannen ihr Konzert auch mit einem Monument der vierhändigen Klavierliteratur: mit der Sonate C-dur zu vier Händen KV 521 von Wolfgang Amadeus Mozart. Klar, dass er von dem ursprünglichen Plan für zwei Klaviere "umswitchte" auf vierhändig, als er wusste, für wen er sie schrieb. Denn bei vierhändig konnte man seinen Schülerinnen doch erheblich näherkommen.

Aber darum ging's jetzt nicht. Sondern darum, dass das Duo Ensari/Schuch die vierhändige Mozart-Sonate spielte, am wenigsten bekannt ist. Denn sie machten bezwingend deutlich, wie viel aus diesem Werk herauszuholen ist. Sie trafen genau den leichten, aber pointierten und federnden Mozart-Ton, der sich auch in den vielen schnellen Passagen und hochvirtuosen Verzierungen nicht verlor. Sie spielten mit einer ausgetüftelten Agogik, die den Schwung sehr gut und ausdrucksstark steuerte, ohne in zu bremsen. Ständig wurde auf Pointen hin musiziert, wurden lange Spannungsbogen entwickelt.

Überraschende Lösungen

Aber trotz aller Planung hatte sich in dem Spiel das Gefühl des Spontanen gehalten, des sich Belauerns und aufeinander Reagierens (was besonders schwer zu planen ist). Im ruhigen, in seiner Emotionalität wunderbar ausgeleuchteten Andante entwickelte sich eine Poesie, wie sie auch in einer leidenschaftlichen Mozart-Arie hätte entstehen können. Und das Finalrondo mit seinem kreativen Schwung war auch deshalb so animierend, weil den beiden Musikern nicht nur für die Couplets, sondern auch für die Refrains immer wieder überraschende Lösungen eingefallen waren.

Dann wurde es leger-unterhaltsam, und man kann froh sein, dass die Trennung zwischen U- und E-Musik heute nicht mehr so ernst genommen wird: Denn die Slawischen Tänze von Antonín Dvorák und die Ungarischen Tänze von Johannes Brahms waren für das damalige Publikum - und sind es ja heute auch noch - U-Musik reinsten Wassers. Sonst hätte der Verleger Fritz Simrock nicht ständig auf Nachschub bestanden und die Noten stapelweise an die dilettierenden Hausmusikanten (wie das geklungen haben mag?!) verkauft. Aber für die Aufführenden waren und sind sie E-Musik. Denn man muss diese hochvirtuosen, auf publikumswirksame Effekte komponierten Sätze verdammt gut üben, wenn man nicht untergehen will. Für Gülru Ensari und Herbert Schuch war es also E-Musik, aber sie konnten das verbergen, konnten dem Publikum sehr gut ein E für ein U vormachen. Mit Höchstgeschwindigkeit - wo sie erlaubt ist - fegten sie durch die sechs Sätze, und es war eigentlich egal, ob sie von Brahms oder Dvorák waren - ein bisschen sind sie ohnehin alle von beiden. Da wurde ein vergnügliches Feuer entfacht, da wurden Stauungen ebenso bis an die Grenze des Machbaren zelebriert wie auf der anderen Seite die Beschleunigungen. Da wurden die tänzerischen Rhythmen besonders klar betont und akzentuiert, vor allem die Dreierrhythmen. Und da wurde über den Anschlag eine Klangfarbigkeit ins Spiel gebracht, die die Palette der Orchestrierung zwar natürlich nicht ersetzen konnte, aber doch die Spannung und Buntheit erhöhte.

Und dann tauchte im Programm, wirklich überraschend, ein türkischer Name auf: Özkan Manav! Man stutzt, denkt zurück und kommt zu dem etwas enttäuschenden Ergebnis: Wenn nicht Fazil Say immer mal eine seiner Eigenkompositionen gespielt hätte und Zeynep Gedizlioglu nicht bei der LiederWerkstatt 2019 ihre Vertonung "Kein Baum" nach dem gleichnamigen Gedicht von Thomas Bernhard uraufgeführt hätte, dann hätten wir bis vorgestern nicht gewusst, dass auch in der Türkei komponiert wird. Und wenn Gülru Ensari nicht als Schülerin Özkan Manav einmal interviewt hätte und sie nicht in Kontakt geblieben wären, wüssten wir es heute immer noch nicht. Aber so arrangierte er für sie "Iki anadolu ezgisi" ("Zwei anatolische Melodien") für Klavier zu vier Händen. Gülru Ensari und Herbert Schuch haben 2016 in München die Uraufführung gespielt, ein Jahr später auch in Istanbul die türkische Erstaufführung.

Özkan Manav habe die Melodien der beiden Lieder erhalten, aber den Hintergrund auf die Möglichkeiten des Klaviers umgearbeitet, meinte Gülru Ensari in einer kurzen Anmoderation. Das erste Lied sei eine Art Nonsense-Lied, auf Deutsch heiße der Titel in etwa: "Kann man das geschnittene Gras mähen?" Eine Antwort gibt es nicht, aber eine hoch komprimierte Musik "à la turca" mit komplizierten Rhythmen und Harmonien und enormem dynamischem Zugriff, vor allem im Mittelteil des Liedes.

Typ Laubbläser statt Hirtenflöte

Die zweite Melodie basiert auf einem armenischen Liebeslied. Aber vermutlich nur in der Urfassung und nicht in der türkischen Adaption. Denn sie war der ersten Melodie in der Ausprägung und im Zugriff doch sehr ähnlich. Wenn die ein verliebter junger Türke je unter dem Fenster seiner Geliebten gespielt hat, dann nicht mit einer Hirtenflöte oder Schalmei oder ähnlichem, sondern mit einem benzinbetriebenen Laubbläser. Ob das Gülru Ensari ein zart gehauchtes Ja entlockt hätte? Wohl kaum. Aber zum Glück ist ihr Herbert ja auch alles andere als ein Laubbläsertyp. Man müsste einfach die Gelegenheit haben, diese Melodien mehrfach zu hören, um sie für sich zu entdecken.

Und schließlich wurde die Musik geweitet, verteilt auf zwei Flügel, mit Tschaikowskys "Nussknacker-Suite" in der Bearbeitung von Nicolas Economou. Man kann sich den Hinweis sparen, dass Gülru Ensari und Herbert Schuch in einer bis in die Anschläge einzelner Töne eine absolut perfekte Gemeinsamkeit entwickelt haben, dass man oft nicht sagen kann, von wem eigentlich gerade was kommt, und dass sie durch diese perfekte Einheit große Freiräume zur Gestaltung gefunden haben.

Da wurden aus diesen acht Sätzen echte Charakterstücke mit ganz eigenen Profilen. Da wurde sehr bewusst das Typische der Satzformen modelliert, da wurden Übergänge spannend durch Verzögerungen und Beschleunigungen. Die beiden konnten sich das ganz einfach leisten mit ihrem gemeinsamen Atmen und ihrer körpersprachlichen Verständigung über dreieinhalb Meter. Da konnte man durchaus ein bisschen in den Rhythmen und Melodien schwelgen. Aber auch hier blieb der Gedanke nicht aus: Auch hier merkte man, da die Orchesterfassung ständig im Hintergrund mitschwang: Hier konnte man, wie bei einer ausgezeichneten Schwarz-weiß-Fotografie die Strukturen bestens erkennen.

Aber das Bild wird komplexer, wenn die (Klang-)Farben oder Orchesterinstrumentierung dazukommen - auch wenn das zu Lasten der strukturellen Klarheit geht. Für den stürmischen Beifall gab es zwei Zugaben: Die zweite war Brahms, Nr 5. Und die erste? Schwer zu sagen. Zwölf Stunden nach der Zugabe klingen die ganzen Slawischen und Ungarischen Tänze alle ein bisschen gleich.