Als "ermutigend" fasste der unterfränkische Regierungspräsident Paul Beinhofer seinen Besuch gestern im Zentrum für Telemedizin (ZTM) zusammen. Die Einrichtung könne dazu beitragen, den Bogen "von der klassischen Kur zum Wohlergehen im digitalen Zeitalter" zu spannen. Nach Beinhofers Sicht wird die Verbindung aus Gesundheitswirtschaft und Digitalisierung "die Region prägen und einen wesentlichen wirtschaftlichen Beitrag leisten".


"Ganzheitlicher Ansatz"

"Unser ganzheitlicher Ansatz ist einzigartig in ganz Deutschland", betonte ZTM-Geschäftsführer Sebastian Dresbach. Keine andere Einrichtung sei aktuell so breit aufgestellt und bringe so konkrete Anwendungen auf den Markt. An das System der digitalen Voranmeldung etwa seien mittlerweile 60 Kliniken angeschlossen. "Knapp 20 000 Patienten im Monat laufen da drüber", berichtete Dresbach.

Für das Projekt "Teleview", bei dem Flüchtlinge direkt in der Unterkunft in ihrer Muttersprache beraten werden, erhielt das ZTM im vergangenen Jahr sogar einen Preis. Dieses "Skype auf medizinischem Niveau" sei aber nur eines von vielen Projekten. Bereits in wenigen Wochen soll zum Beispiel medizinisches Personal mit einem Elektroauto und telemedizinischer Ausstattung durch die Landkreise Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld fahren. "Wir wollen aber niemanden ersetzen, sondern nur bestmöglich unterstützen", stellt Dresbach dabei klar.

Aber auch mit vielen Fragen beschäftigt sich das ZTM: Juristisch sei etwa das Fernbehandlungsverbot ein Hindernis, zudem müsse geklärt werden, welche Leistungen in Zukunft mit der Krankenkasse abgerechnet werden können. Außerdem beobachten die mittlerweile 19 Mitarbeiter den Markt und informieren medizinisches Personal und Einrichtungen über Fortschritte und Produkte. Zehn Mitarbeiter arbeiten von Bad Kissingen aus, weitere neun sind in der Außenstelle Karlsruhe eingesetzt. Weitere Themenfelder sind die Begleitung von Patienten nach Krankenhaus-Aufenthalten, die Wartung von mobilen Defibrillatoren sowie Systeme, die Senioren ermöglichen, länger daheim zu bleiben.


"Schlüsselindustrie der Zukunft"

Der stellvertretende Vorsitzende des Trägervereins, Dr. Wolfram Franke, bezeichnete die Digitalisierung als "Schlüsselindustrie der Zukunft". Er würdigte die Förderung durch Freistaat und Kreis in den vergangenen Jahren (siehe Info-Kasten). Laut Landrat Thomas Bold (CSU) müsse das Ziel sein, die Technik auch auf den Markt zu bringen. Genau hier sah Regierungspräsident Beinhofer aber die Problematik: Der Staat müsse zwar Grundlagenforschung fördern, aber: "Der Staat darf nicht ins Marktgeschehen eingreifen." Trotzdem ist Beinhofer optimistisch: "Die institutionelle Förderung kommt", legte er sich fest. Das sieht Bold als wichtigen Schritt, weil sich nicht jede technische Neuerung sofort selbst trage oder durch die Krankenkassen bezahlt werde.

Gründung Der Grundsatz-Beschluss für das Zentrum für Telemedizin (ZTM) fiel 2010. Ihre Arbeit nahmen die ersten drei Mitarbeiter Anfang 2012 im Rhön-Saale-Gründerzentrum in Bad Kissingen auf. Vorsitzender des Trägervereins ist Prof. Bernd Griewing, der ärztliche Direktor der Neurologischen Klinik Bad Neustadt. Zudem gibt es einen neunköpfigen Beirat mit Politikern, Medizinern und Vertretern aus Industrie, Krankenkassen, Hochschulen und Rentenversicherung. Das ZTM hat mittlerweile 19 Mitarbeiter, davon zehn in Bad Kissingen.

Finanzierung Das Projekt war zunächst auf vier Jahre angelegt. Der Freistaat Bayern fördert das Projekt bisher mit 2,28 Millionen Euro. Der Landkreis Bad Kissingen steuerte weitere 417 000 Euro zu. Bis 2016 war die Förderung projektbezogen, in Zukunft soll es einen festen Zuschuss für Forschung und Entwicklung geben: die institutionelle Förderung.

Info Auskünfte unter www.ztm-badkissingen.de. rr