Nach 40 Jahren möchte Ballettlehrerin Cathérine Scherner (73) ihr erfolgreiches Ballettstudio am Wendelinus "mit großer Fensterfront ins Grüne" zum Beginn des kommenden Schuljahres in neue Hände übergeben. Schon seit Herbst sucht sie über Anzeigen in Branchen-Netzwerken nach "jemandem, der Menschlichkeit mehr schätzt als Leistung" - noch ohne Erfolg. Doch im August wird sie aufhören. Ihre knapp 100 Schülerinnen und Schüler sind bereits informiert.

"Ich hatte nie die Absicht, Ballett zu unterrichten", versichert Scherner im Gespräch mit dieser Zeitung. Allerdings wollte die gebürtige Französin schon als Dreijährige unbedingt Balletttänzerin werden. Nach dem Abitur studierte sie dann aber Französische Philologie und Kunstgeschichte. Nur in ihrer Freizeit nahm sie bei bekannten Ballettmeistern in Bordeaux, Paris und Toulouse Unterricht, den sie auch noch in Würzburg fortsetzte, nachdem sie 1975 als 26-Jährige ihrem Ehemann nach Bad Kissingen gefolgt war.

Daheim richtete sie sich ein Zimmer als privates Ballettstudio ein. "Ich wollte einfach nur meine Übungen fortsetzen." Doch aus Familien- und Freundeskreis kamen bald die Bitten um Unterricht. So begann Scherner 1982 zunächst provisorisch in der Turnhalle der Caritas, zog aber schon Ende des Jahres in die Pestalozzistraße um, wo sie dann im Juni 1983 ihr Ballettstudio offiziell anmeldete. Aus der Berufung war ihr Beruf geworden. "Ich habe es gemacht, weil ich es machen musste, aber nicht um Geld zu verdienen." Vier Jahre später fand sie schließlich jene geeigneten Räumlichkeiten in der Gutenbergstraße, in denen bis heute Schülerinnen und Schüler im Alter "zwischen Sechs und Ultimo" Klassisches und Modernes Ballett sowie Improvisationstanz lernen, Erwachsene sich zusätzlich auch in Bodengymnastik und Pilates üben.

"Geh deinen Weg und lass die Leute reden", ist über der Eingangstür zum Ballettstudio das Zitat des italienischen Philosophen und Dichters Dante Alighieri zu lesen. Es ist nicht nur als Aufforderung an ihre Schüler zu verstehen, sondern auch Scherners Selbstverständnis. Sie widerspricht energisch den Klischees, die viele noch immer mit Ballett verbinden. So muss man keineswegs jung, schlank und sportlich sein, um Ballett zu tanzen. "Ballett hat nichts mit Körperfülle oder Alter zu tun. Man muss nur Lust dazu haben und musikalisches Gefühl mitbringen." Auch über die Aussage, Ballett sei nichts für Männer, kann die 73-Jährige nur den Kopf schütteln. Sie selbst hatte vor 40 Jahren mit einer Gruppe von acht Männern begonnen. "Ballett kann ein knallharter Sport sein und ist deshalb für Männer bestens geeignet." Wer diesem Vorurteil glaubt, "hat nie ein Training für modernes Ballett gesehen. Man braucht Ausdauer und Kraft." Viele Jungen würden gern Ballett tanzen, weiß sie aus Erfahrung, verzichten aber aus Angst vor dem Spott anderer. "Man muss selbstbewusst sein, um dies aushalten zu können, weshalb viele erst als Erwachsene den Mut aufbringen."

Ballett sei für Kinder und Jugendliche auch eine gute Alternative zum oft unbeliebten Schulsport. "Denn Ballett ist weit mehr als Sport: Es spricht die Seele an, es ist eine Art Selbstfindung, ein innerer Prozess." Danach ist man im Einklang mit sich selbst. So ist Ballett nicht nur gut für den Körper, sondern auch für die Seele und den Geist. Wer Ballett tanzt, lässt sein Probleme daheim. Scherner: "Man muss sich beim Tanz konzentrieren, dann tritt alles andere unweigerlich in den Hintergrund." Zugleich trainiert man beim Tanz sein Gedächtnis, denn man muss sich verschiedene, auch komplizierte Abläufe einer Choreographie merken. "Selbst einfache Abläufe helfen schon, das Gedächtnis zu schulen." Sie sei zwar eine anspruchsvolle Lehrerin gewesen, sagt Cathérine Scherner im Rückblick. Allerdings habe sie nie Unmögliches verlangt, niemals ihre Schülerinnen und Schüler überfordert: "Jeder Schüler sollte sich bei mir wohlfühlen, sollte Freude an der Bewegung haben."

Im August wird sich die 73-Jährige ins Privatleben zurückziehen. Am meisten freut sie sich darauf, endlich abends zu Vorträgen oder Lesungen gehen zu können. Bisher musste sie auf Veranstaltungen verzichten: "Ich habe doch jeden Abend unterrichtet." Auch will sie die fränkische Lebensart intensiver genießen. Schließlich lebt sie jetzt fast doppelt so lange in Bad Kissingen wie einst in Frankreich. Und sie will öfter nach Frankreich reisen, "um die alte Heimat neu zu entdecken". Vor allem will sie endlich wieder an die Atlantikküste, wo sie einst aufwuchs. "Das Meer und die Fische fehlen mir doch."