Wenn man's recht bedenkt, war das vierte Konzert des Kissinger Spätsommers eine Premiere: Es war das erste Konzert ,das tatsächlich so wie geplant stattfinden konnte - und an dem Ort, an dem es vorgesehen war: kein Verzicht auf irgendwelche Interpreten, kein Umzug in den Max-Littmann-Saal. Das "Duo Aliada" konnte bei seinem zweiten Festivalauftritt da musizieren, wo es angekündigt war: beim Jazz Breakfast im Kurgartencafé. Das war gut so, weil die Musik so wunderbar in diesen hellen Rahmen passte.

Denn Michal Knot mit seinem Sopransaxophon und der Akkordeonist Bogdan Laketic sind zwei absolute Lustmusiker, die auch ein entsprechendes Programm zusammengestellt hatten: eine Kombination aus klassischem Ernst und jazzigem Vergnügen. So war es nicht verwunderlich, dass diese morgendliche Reise in New York begann, mit zwei Komponisten, die klassisch ausgebildet, aber sehr stark vom Jazz beeinflusst waren: George Gershwin und Aaron Copland. Von Ersterem hatten sie zunächst sechs Nummern aus "George Gershwin's Songbook" ausgewählt - von "Clap Yo' Hands" über "The Man I Love" und "Oh, Lady Be Good" bis "I Got Rhythm" - sechs Songs, die man alle gut kannte, aber eben nicht in dieser Besetzung: natürlich sehr melodiebetont in beiden Instrumenten, aber auch farblich und virtuos enorm verdichtet und mit großem Schwung musiziert.

Dazu kamen etwas später die "Three Preludes", die schon vom Namen her europäische Wurzeln verraten, sich tatsächlich aber völlig abgenabelt haben. Es geht hier um lustvolle Klänge, widerborstige Rhythmen, konfliktbeladene Harmonien - also um Überraschungen. Und die reizten Knot und Laketic bis an die Grenzen aus mit schneidender Präzision, bis zum Zerreißen gespannten Verschleifungen und federnder Motorik. Wobei ihnen natürlich entgegenkam, dass ihre beiden Instrumente sich in den Klangfarben einerseits bis zur Deckungsgleiche entgegenkamen, andererseits aber auch totale Kontraste erzeugen konnten. Nicht immer war sofort klar, wer welchen Ton spielte - ein Phänomen, das auch Aaron Coplands "Three Moods" ("Drei Stimmungen") entgegenkam, in denen die Musik geradezu plakative erzählerische Kraft entwickelte. Man konnte sich das "Embittered" ("Verbittert") oder "Wistful" ("Wehmütig") mit seinen klagenden Phrasierungen auch sehr gut an sich selbst vorstellen.

Kinderlieder und Volksmusik

Eine heitere Rarität waren die ursprünglich für Klavier geschrieben Kinderlieder von Chick Corea, von denen das Duo vier ausgewählt hatte. Für Kinder wegen ihrer überschaubaren und nachvollziehbaren Melodien. Aber in der Ausführung ist Chick Corea - das zeigte auch die hochvirtuose Interpretation des Duos Aliada - doch immer wieder der powernde Jazzer durchgegangen.

Natürlich musste wenigstens ein Stück aus der Volksmusik im Programm sein. Denn für einen Serben - außer Bogdan Laketic - ist es unvorstellbar, dass man mit der "Quetschkommode" etwas anderes als Volks- und Tanzmusik spielt, und schon gar nicht Klassik. So spielte der erst eine wunderschön ruhige, klangfarbenreiche Improvisation über ein serbisches Lied. Und dann, mit Michal Knot, "Žikino kolo", einen serbischen Volkstanz "à la Sirtaki", einen Reihentanz, der so lange beschleunigt wird, bis auch der letzte der Tänzer den Atem verloren hat. An sich schon ein musikalisch und rhythmisch mitreißendes Ereignis, aber zusätzlich verstärkt durch die raffinierten, virtuosen Verzierungen der Musiker.

Zu Ende ging das Konzert mit zwei ungemein populären Werken. Wer den Namen Darius Milhaud hört, denkt automatisch an "Brazileira" aus der "Scaramouche-Suite". Das gibt es in allen möglichen Besetzungen - das Original ist für zwei Klaviere. Zuletzt haben es beim Kissinger Sommer Sabine Meyer und Fazil Say über die Bühne gejagt, und jetzt Michal Knot und Bogdan Laketic. Das war insofern noch spannender, als das Saxophon mit seinem fülligeren Klang dem Akkordeon stärkeren Widerpart geben konnte als die Klarinette. Die beiden konnten hinlangen, mit feuriger Rasanz, mit Lust an völlig verqueren Rhythmen und einer pfiffigen Melodie, mit absolut variablen Klangfarben in einem Miteinander und kontrollierten Gegeneinander. Hingerissen hörte man zu und wunderte sich am Ende, dass die beiden gleichzeitig aufhörten. Arturo Marquez" Danzón Nr. 2 ist so etwas wie die heimliche mexikanische Nationalhymne, auch wenn er kubanischen Ursprungs ist. Das Akkordeon spielte hier einen melancholischen Einstieg, der immer tänzerischer wurde, bis sich das Saxophon einmischte und in einen spannenden Dialog eintrat. Wobei diese Spannung weniger durch Tempo, sondern durch Intensität erzeugt wurde, durch ein perfektes Belauern und Aufeinander-Eingehen. Plakative Mätzchen hätten da nur gestört.

Zwei Zugaben spielte das Duo: die wunderbaren "Rumänischen Tänze" von Béla Bartók und schwedische Volksmusik, "Polska från Dorotea".