Wer dieser Tage im Altlandkreis Bad Brückenau unterwegs ist, dem fallen sie unmittelbar ins Auge: Apfelbäume voller roter und gelber Äpfel. Dazwischen finden sich vereinzelt mächtige Birnbäume mit gelben oder grünen Früchten. Die Bäume stehen verstreut - einzeln oder in kleinen Gruppen an Straßen, auf Wiesen oder entlang von Äckern. "Daher auch der Name Streuobst", wie Robert Hildmann erklärt. Der ehemalige Leiter der Schlossgärtnerei im Staatsbad beschäftigt sich seit zwei Jahren verstärkt mit dem Thema Streuobst.

"Ich sehe mein Engagement für das Streuobst vor allem darin, dass ich einen Beitrag leisten möchte für den Erhalt der vielen alten Obstsorten als Kulturgut", sagt Hildmann. Ebenso möchte er durch seinen Einsatz für das Streuobst einen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt leisten. "Jeder Baum, der stehen bleibt oder neu gepflanzt wird, zählt", betont er.

Obstbäume fielen Flurbereinigung oder Baumaßnahmen zum Opfer

In der Vergangenheit seien viele der Bäume der Flurbereinigung, dem Straßenbau oder neuen Baugebieten zum Opfer gefallen. Von 1953 bis 1974 sei sogar für jeden gefällten Baum eine Prämie gezahlt worden, berichtet Hildmann. "Die Bäume, die uns heute noch begegnen, sind also nur noch ein Überrest des einstmals in der Landschaft weit verbreiteten Streuobstanbaus." Dieser habe von 1800 bis 1950 seine größte Blütezeit erlebt.

Doch das Thema Streuobst erfährt neuen Aufwind: "Heute ist man sich der Bedeutung dieser die Landschaft prägenden Obstbäume mit ihrem besonderen Wert für viele Tier- und Pflanzenarten immer mehr bewusst", sagt Hildmann und verweist auf die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, die vielen Gartenbauvereine und auch die Naturschutzverbände sowie Einzelakteure, die sich mit dem Thema Streuobst befassen.

"In der Rhön hat sich die Rhöner Apfelinitiative gegründet, die seit vielen Jahren das Ziel verfolgt, den Erhalt des Streuobstes durch höherpreisige Absatzmöglichkeiten und durch die Entwicklung von hochwertigen kulinarischen Angeboten zu fördern", berichtet Hildmann weiter, der auch selbst Mitglied der Apfelinitiative ist. Nicht zuletzt ist das Streuobst seit März dieses Jahres im bundesweiten Verzeichnis der Unesco als Immaterielles Kulturerbe zu finden.

Nahrung und Lebensraum für Tiere

Dass das Fallobst unter den Obstbäumen vielfach nicht gesammelt wird, sondern einfach liegen bleibt, ist für Hildmann weniger entscheidend. Ihn trifft nach eigener Aussage vor allem, dass so viele Bäume in der Landschaft nicht gepflegt werden und nur noch eine geringe Vitalität aufweisen.

"Fallobst ist für viele Tiere eine Nahrung. Aber wenn die Bäume verschwinden, ist alles weg: das Versteck unter der Rinde, die Blüte im Frühjahr und somit die Nahrung für viele Insekten, der Brutplatz für Vögel, die Blätter als Futter für Raupen, die Blattläuse als Futter für Marienkäfer, und so weiter", gibt Hildmann zu bedenken.

Mut würden ihm die Begegnungen mit anderen Menschen machen, die sich um die Bäume kümmern "und ebenso streuobstbegeistert sind". "Mut macht mir, dass mir bei meiner Ausbildung zum Streuobstpfleger drei Bauhofmitarbeiter einer Gemeinde begegnet sind, die eigens für die Ausbildung freigestellt waren", fährt Hildmann fort. Erfreulich sei auch, dass sich viele für die Ausbildung in der Obstbaumpflege interessiert hätten, die von der Rhöner Apfelinitiative organisiert wurde.

Ein Netzwerk von Streuobst-Interessierten

Auch die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema Artenvielfalt habe durch das erfolgreiche Volksbegehren "Rettet die Bienen" stark zugenommen. Hildmann, der selbst neben der Apfelinitiative auch im Obst- und Gartenbauverein und beim Bund Naturschutz engagiert ist, wünscht sich, ein Netzwerk von Streuobst-Interessierten auf die Beine zu stellen. Er stehe hierfür als Ansprechpartner bereit.

"Ich würde mich besonders über junge Streuobst-Begeisterte freuen und diese gerne unterstützen." Sodass auch in Zukunft den Menschen, die im Altlandkreis unterwegs sind, im Herbst noch Apfel- und Birnbäume mit roten, gelben und grünen Früchten entgegenblicken.

100.000 Bäume - um diese Anzahl nimmt der Baumbestand im Freistaat pro Jahr circa ab, wie die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) mit Blick auf das Streuobst berichtet.