Groll wegen des geplatzten Traums? Hegt Hans Müller aus Züntersbach längst nicht mehr. Der Kampf gegen die Eingemeindung seines Heimatortes nach Sinntal ist mehr als 45 Jahre her. Der letzte Züntersbacher Bürgermeister (1970 bis 1976) drängte damals auf einen Wechsel ins bayerische Bad Brückenau. Und scheiterte. Heute sieht der 84-Jährige die Dinge entspannter. Aber seine Überzeugung ändert er nicht.

Die 1970er-Jahre - sie waren die große Zeit der Gebietsreformen und Gemeindezusammenschlüsse. Nicht nur im Freistaat Bayern, sondern auch im benachbarten Hessen. So lud der Landrat des damaligen Landkreises Schlüchtern Vertreter beieinander liegender Gemeinden schon im Mai 1969 zu "Ausspracheabenden" ein.

Im Grunde wurden die Ortspolitiker informiert, dass sich Klein- und Kleinstgemeinden zusammen- beziehungsweise an einwohnerstarke Kommunen anschließen und somit ihre Selbstverwaltung und eigene Gemeindevertretung aufgeben mussten. Sie sollten ausloten, wer mit wem am besten kann.

Einer von fünf "jungen Wilden"

Hans Müller war erst 1968 als einer von fünf "jungen Wilden" in die Züntersbacher Gemeindevertretung eingestiegen. "Als junge Leute hatten wir andere Ideen", sagt er. Die wesentlichste war, so lange wie möglich selbstständig zu bleiben, um sich im Zuge einer möglichen Länderreform dem bayerischen Brückenau anzuschließen. Das Hauptargument: Züntersbach sei schon immer mehr zur Kurstadt als zum Beispiel nach Sterbfritz oder dem noch weiter entfernten Schlüchtern orientiert gewesen.

Ein Schreiben vom 22. Januar 1971 an den dortigen Landrat listete mehrere Gründe für diese Sichtweise auf. "Die Einwohner tendieren in ihren Einkaufsgewohnheiten überwiegend nach Brückenau", hieß es dort. Die Mehrzahl der Arbeitsplätze läge in der benachbarten Stadt (101 zu 76 in anderen Gemeinden).

Hans Müller selbst lernte beispielsweise beim Sägewerk Vorndran, das damals noch in Brückenau seinen Sitz hatte. Er arbeitete dann als Industriekaufmann in einem Frankfurter Holzgroßhandel, ehe er ab 1968 am Forstamt in Altengronau beschäftigt war.

Die "Verhaltensweise der Bevölkerung" lasse "eine überwiegende, generationsbedingte Verbundenheit mit Bad Brückenau erkennen", hieß es in dem Schreiben weiter. Zumal die Züntersbacher dort jegliche Art von Kultur- und Freizeiteinrichtungen wie Kinos, Konzerthalle, Schwimmbad und Kureinrichtungen nutzen würden. Auch für medizinische Behandlungen ging man nach Bad Brückenau.

Die Verkehrsverbindungen seien "nach allen Richtungen (Brückenau, Sterbfritz/Schlüchtern und Fulda) gleich gut oder schlecht". Jedoch sei die Entfernung in die Kurstadt mit zwei (!) Kilometern zu zehn, 20 oder 30 Kilometern entschieden kürzer; die Verbindungen dorthin ließen sich also leichter ausbauen.

Ins Feld geführt wurde auch der "aufstrebende Fremdenverkehr". Viele Angehörige von Kurgästen des nur durch einen schmalen Bergzug von Züntersbach getrennten Staatsbades stiegen damals schon im 650-Seelen-Ort ab.

Das Schreiben diente als Begründung für einen Beschluss, den die Züntersbacher Gemeindevertretung wenige Tage zuvor einstimmig gefasst hatte: kein freiwilliger Zusammengang mit Oberzell, Weichersbach und Schwarzenfels zu einer Gemeinde. Und auch kein Anschluss an Sterbfritz. Auch gegen die Verschmelzung der Landkreise Schlüchtern, Hanau Stadt und Gelnhausen zum "Kinzgkreis" mit Hanau als Kreissitz sprach man sich aus.

Das Züntersbacher Aufbegehren brachte zunächst eines - Aufschub. Man blieb bis 1976 selbstständig.

Uneindeutige Meinungsverhältnisse

Doch die Meinungsverhältnisse im Ort waren nicht so eindeutig, wie sie die Beschlüsse der Gemeindevertretung vermuten lassen. Besonders der SPD-Ortsverein machte gegen einen "Anschluss an Bayern" mobil.

Bei einer "Volksbefragung" sollten die Züntersbacher am 28. Oktober 1973 Farbe bekennen, ob sie lieber nach Bad Brückenau oder nach Sterbfritz anschließen wollten - und damit für oder gegen einen Verbleib im Land Hessen votieren. Das Ergebnis fiel nicht sehr eindeutig aus: 194 der gültigen Stimmen entfielen auf einen Anschluss an die Kurstadt, 145 auf einen an Schlüchtern. Leichter taten sich die Züntersbacher, ob ihr Ort selbstständig bleiben sollte: 297 waren dafür, 30 dagegen.

Doch letztendlich besaß das kleine Züntersbach gegen die "große Politik" keine Chance. Auch wenn zwischenzeitlich eine Volksabstimmung im Raum stand und ein Staatsvertrag zwischen den beiden Bundesländern Hessen und Bayern ausgearbeitet werden sollte, entschied der hessische Landtag mit der Mehrheit aus SPD und FDP, dass alles so laufen soll wie geplant: Züntersbach würde wie alle anderen umliegenden Orte in der Großgemeinde Sinntal aufgehen, mit Sterbfritz als Sitz der Verwaltung. Das sollte zum 1. Januar 1977 geschehen, was gleichzeitig das Amtsende von Hans Müller als ehrenamtlicher Bürgermeister bedeutete.

Die Gründe dafür leuchten ihm heute noch nicht ganz ein. Wahrscheinlich ging es auch darum, dass die Mottener nicht nach Hessen wollten. Auch wäre wohl die hessisch-bayerische Landesgrenze im unteren Sinntal in Bewegung gebracht worden (Burgsinn, Mittelsinn und Obersinn gehören ja zum Freistaat). Einfach zu viel Geschiebe für ein "gallisches Dorf".

Nach dem Anschluss Züntersbachs an Sinntal verließ Hans Müller frustriert die Kommunalpolitik. "Ich war es leid, weil es dann nur noch über die Parteien gegangen wäre", sagt der Mann, der sich einst für die Bürgerliche Wählergemeinschaft hatte aufstellen lassen. Später widmete er sich mehr der Arbeit, der Familie und der Ortsgemeinschaft, besonders im Sportverein und bei den Sängern.

Seine Grundüberzeugung vertritt der 84-Jährige heute wie damals: "Wir hätten nicht nur nach Bad Brückenau gewollt; wir hätten dorthin gehört." Zwar seien die Verbindungen im öffentlichen Nahverkehr nach Sterbfritz und Schlüchtern über die Jahre etwas besser geworden (wenn auch nicht gut). Auch pendeln mehr Bewohner zu Arbeitsstellen in Hessen - ein Trend, der sich schon vor der Verwaltungsreform mit der Ansiedlung von Tabbert in Mottgers und Ikas in Sterbfritz angebahnt habe.

Die Hoffnungen, vom Fremdenverkehr vor allem im benachbarten Staatsbad noch stärker zu profitieren, erfüllten sich hingegen langfristig nicht. Spätestens seit der Pflegereform 1996 sank auch das Gästeaufkommen in Züntersbach.

Doch die starken Bande nach Bad Brückenau - sie bestehen weiterhin. Inzwischen nutzen die Züntersbacher die reichlich dort vorhandenen Supermärkte. Oder gehen mehrheitlich lieber in die nahe Therme Sinnflut, als zum Baden nach Sterbfritz, Altengronau oder gar nach Fulda zu fahren.

Gefühl des Abgehängtseins

Was für Hans Müller geblieben ist, ist das Gefühl, abgehängt zu sein. Bestrebungen, hinüber ins Bayerische zu wollen, nimmt der 84-Jährige im Moment im Ort aber gar keine wahr. Man habe sich mit der Situation abgefunden.

Hermann Kötterheinrich war selbst viele Jahre Ortsvorsteher von Züntersbach. Der Sauerländer glaubt nicht, dass es seiner Wahlheimat als Bad Brückenauer Stadtteil besser ergangen wäre als in der Großgemeinde Sinntal. "Wir müssen damit leben, wie es ist." Auch andere Ortsteile hätten es schwer, ihre Anliegen an- und durchzubringen, erst recht im riesigen Main-Kinzig-Landkreis, der bis vor die Tore von Frankfurt reiche. Den drängenden Wunsch, nach Bad Brückenau und damit nach Bayern zu wechseln, spürt auch Kötterheinrich in Züntersbach nicht mehr.