Am 14. September 1940 unternahmen Therese Wittekind (geb. 1864) und Julie Nordschild (geb. 1870) eine Reise. Sie taten das nicht freiwillig, im Gegenteil: Die beiden Bewohnerinnen der Heil- und Pflegeanstalt Römershag wurden in den "Gnadentod" geschickt. An dem Ort, wo sie die vermutlich letzten würdigen Tage ihres Lebens verbrachten, wird ihnen an diesem Mittwoch, 14.30 Uhr, ein spätes Gedenken zuteil.

Therese Wittekind wurde am 29. April 1864 in eine Bad Kissinger jüdische Familie hineingeboren. Die Eheleute Salomon und Nanny Wittekind lebten mit ihren vier Kindern in der Zwingergasse. Später kam noch ein Bruder hinzu.

Über Therese Wittekinds Erkrankung ist nichts Näheres überliefert. Sie muss so schwer gewesen sein, dass sie keinen Beruf ausüben konnte. Mieteinnahmen aus einem kleinen Haus in der Bad Kissinger Innenstadt sicherten ihren Lebensunterhalt.

Am 30. Juni 1940 wiesen die Behörden die 76-Jährige in die Heil- und Pflegeanstalt Römershag ein. Sie gelangte in die Obhut der Kongregation der Erlöserschwestern (Würzburg). Lange blieb die Bad Kissingerin nicht in der Einrichtung, die zu dieser Zeit auch zum Sammelpunkt für 20 weitere Patienten aus der Anstalt Klingenmünster in der Pfalz wurde.

Nur vier Tage nach Ankunft der Klingenmünsterer wurde sie im Zuge der "T4-Sonderaktion" auf die angesprochene letzte Reise geschickt - zunächst in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar in Oberbayern und später in eine Tötungsanstalt nach Hartheim in Oberösterreich. Sehr wahrscheinlich wurde sie dort kurz nach ihrer Ankunft noch im September 1940 ermordet.

Genau nachweisen lässt sich das nicht mehr. In einem Schreiben der "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" vom 8. Januar 1942, in dem es um die Begleichung von Pflege- und Einäscherungskosten für Wittekind geht, wird davon gesprochen, dass die Bad Kissingerin "am 28. Januar 1941 in der Irrenanstalt Cholm verstorben ist".

Für Dirk Hönerlage, der zusammen mit dem Arbeitskreis "Stolpersteine" jüdische Schicksale in Bad Brückenau erforscht, entbehrt diese Behauptung jeder Grundlage. Die Nazis hätte alles getan, um die genauen Umstände des T4-Programms zu verschleiern.

"T4" ist die nach 1945 gebräuchlich gewordene Bezeichnung für die systematische Ermordung von mehr als 70 000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen in Deutschland 1940/1941 (Die Adresse der leitenden Behörde in Berlin war Tiergartenstraße 4). Die beschönigende Bezeichnung "Euthanasie" hat sich aber gehalten.

Ähnlich wie Therese Wittekind erging es der Schweinfurterin Julie Nordschild. Sie wurde als drittes Kind der jüdischen Eheleute Julius und Ida Nordschild am 21. Juli 1879 geboren. Insgesamt hatte Nordschild sieben Geschwister; ein Bruder fiel 1917 im Ersten Weltkrieg für Kaiser und Vaterland.

Bereits 1907 wurde Nordschild in die Heil- und Pflegeanstalt Werneck eingewiesen. Am 6. Februar 1939 wurde sie nach Römershag überstellt, was laut Hönerlage weniger mit "T4", sondern mit Platz- und Kostengründen zu tun gehabt haben dürfte.

Fest steht, dass die damals 61-Jährige gemeinsam mit Wittekind am 14. September 1940 die Reise nach Eglfing-Haar antrat. Vermutlich wurde auch sie mit dem sogenannten "Jüdischen Sammeltransport" nach Hartheim weitergeschickt und dort ermordet. Laut einem später ergänzten Eintrag auf ihrer Geburtsurkunde soll Julie Nordschild auch in Cholm gestorben sein, und zwar am 29. November 1940 - für Hönerlage nicht nachvollziehbar.

"Wir gehen davon aus, dass die beiden in der Heil- und Pflegeanstalt Römershag ihre letzten guten Tage und menschenwürdige Betreuung erfahren haben", sagt Roberto Ranelli, Leiter der Nachfolgeeinrichtung Pflegeheim Schloss Römershag.

Deswegen verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig die Stolpersteine an diesem Mittwoch, ab 14.30 Uhr, auch an der Pforte des Pflegeheims. Denn, so schränkt Dirk Hönerlage ein: "Eigentlich liegen Stolpersteine nur dort, wo Juden freiwillig lebten." In Römershag sei das wohl noch der Fall gewesen. Die Verlegungen von Wittekind und Nordschild dorthin hätte wohl noch nicht mit der Aktion T4 zu tun gehabt.

Das Pflegeheim wird auch die Patenschaft für die beiden Stolpersteine übernehmen. "Die beiden Damen waren nicht lange hier, haben sich kaum einleben können. Aber mit den Stolpersteinen kommen sie nach Römershag zurück. Es gibt kein Grab. Und so hätten wir eine Erinnerungsstätte", sagt Roberto Ranelli. Der Heimleiter überlegt, noch eine zusätzliche Infotafel anzubringen. Und natürlich wird die Sache weiterverfolgt.

Ob es weitere T4-Opfer in seiner Einrichtung gab, kann der 54-Jährige nicht sagen. Aus der Zeit, in der die Erlöserschwestern vor Ort tätig waren, hätten sich kaum Unterlagen erhalten. Ranelli hat auch erst durch die Arbeit des aus dem Seminar "Jüdisches Leben in Brückenau" am Franz-Miltenberger-Gymnasium entsprungenen Arbeitskreises "Stolpersteine" über das Schicksal der beiden ehemaligen Bewohnerinnen erfahren.

Nach der Stolpersteinverlegung in Römershag fährt der Tross um Künstler Gunter Demnig weiter ins Staatsbad. Dort steht in der Wernarzer Straße 8 das Gebäude des früheren "Hotel Strauß", heute ein Wohnhaus. In der Stadt Brückenau gab es Anfang des 20. Jahrhunderts eine jüdische Kurtradition. Das gut besuchte Hotel Strauß bot seinen meist jüdischen Gästen zum Beispiel koschere Küche an.

Familiendynastie aus dem Hotel Strauß

Seit 1910 waren die Geschwister Siegfried (*1881), Ida (gest. 1936) und Emilie Strauß gemeinsame Eigentümer,; ihre Eltern Abraham und Anna hatten die Konzession. Am 12. Januar 1920 heiratete Siegfried Strauß eine Frieda Hirnheimer aus Reichmannsdorf bei Bamberg. Sie gebar ihm fünf Kinder: Hanna (* 8. März 1923), die Zwilinge Susi und Martha (sowie eine Totgeburt, *1925) und schließlich Evelyn (*1927).

Trotz zunehmender Gängelung durch die Nazis und großem Druck, das Hotel aufzugeben, blieb Siegfried Strauß mit seiner Familie im Staatsbad Brückenau. Bis am 18. September 1940 seine schon länger kranke Frau Frieda starb.

Wenige Tage später, am 2. Oktober 1940, zog die Hoteliers-Familie nach Frankfurt. Vor dort wurden Strauß und seine Kinder höchstwahrscheinlich 1942 nach Osten in die Vernichtungslager deportiert.

Besonders erinnert Dirk Hönerlage, auch stellvertretender Schulleiter des Miltenberger-Gymnasiums, an Hanna Strauß. Denn sie war eine Zeitlang Schülerin an der "Städtischen Realschule mit Lateinabteilung", aus der später das Gymnasium hervorging. Sie und ihre drei kleinen Schwestern siedelten bereits im Frühjahr 1939 nach Frankfurt über.

Nur von Emilie Heimann (geb. Strauß) sind genaue Geburts- und Sterbedaten bekannt. Die Schwester von Siegfried Strauß wurde am 19. Juni 1874 in Brückenau geboren. Nach dem Tod von dessen Frau Frieda zog sie im Oktober 1940 mit ihm nach Frankfurt.

Heimann wurde am 15. September 1942 ins Ghetto nach Theresienstadt verschleppt und dort am 7. Februar 1943 ermordet.

Übrigens: Vered Parhi, die Urgroßnichte von Emilie Heimann und Siegfried Strauß, wollte zur Stolpersteinverlegung anreisen. Aus Angst vor dem Corona-Virus sagte sie im Juli ab.