Was seit längerem als Gerücht in Motten kursierte, ist nun Fakt: Der letzte dort ansässige Lebensmittelladen, der Nahkauf-Markt der Familie Stumpf, schließt zum Monatsende. Auf einem schlichten weißen Papier im Schaufenster informiert Alfred Stumpf seine Kunden über die bevorstehende Schließung und bittet darum, ihn bei dem bevorstehenden Abverkauf zu unterstützen.

Damit geht eine lange Familienära zu Ende. Alfred Stumpf und seine Frau Elvira führten das Geschäft bereits in der vierten Generation. Stumpf hat es von seinen Eltern Karl und Alwine Stumpf übernommen. Diese betrieben eine Schlosserei mit angegliedertem Laden auf der anderen Straßenseite, etwa 100 Meter dorfaufwärts auf dem jetzigen Will-Bräu Gelände unter dem Namen "Kolonialwaren Karl Stumpf".

In den 1960er Jahren vergrößerte sich die Brauerei und die Familie Stumpf wurde - wie einige andere Mottener Familien auch - umgesiedelt. Mit dem Neubau 1964 begann Alfred Stumpf seine kaufmännische Ausbildung im elterlichen Geschäft. "Ich unterstützte meinen Vater auch bei den Schlosserarbeiten", erzählt er. Alles was früher im Dorf so anfiel, wie Hufbeschlag, Wagenbau und das Verlegen von Wasserleitungen habe er sich angeeignet. 1978 übernahm er den Betrieb, die Schlosserei gab er ein paar Jahre später auf. "Ich musste mich entscheiden und habe fortan nur noch den Laden weitergeführt", berichtet der 65-Jährige ein wenig nachdenklich. "Vielleicht hätte ich das andere machen sollen". Aber damals habe man gut von dem Laden leben können - und das obwohl es noch zwei andere Geschäfte in Motten gab.

"Die Leute waren nicht so mobil wie heute und kauften alles im Dorf", erinnert er sich. Aber jetzt sei die Zeit gekommen, aufzuhören. "Wir haben das Alter, und es springt nichts mehr groß raus", erklärt er seine Entscheidung. Es reiche eben nicht, wenn man schnell noch ein Päckchen Mehl holt, was man beim Supermarkt-Einkauf vergessen hatte. Leid tue es ihm um die Stammkunden, im Besonderen um die Älteren.

Einkäufe nach Hause getragen

Nachbarin Rosa Kreiß ist eine von ihnen. Schon als Kind hat die gebürtige Mottenerin "bei Stumpfs" eingekauft - damals als man Mehl und Zucker noch in Spitztüten verpackt nach Hause trug. "Ich könnt´ geschrei", macht die 83-Jährige ihrer Traurigkeit Luft. Sie sei immer sehr zufrieden gewesen. Nicht selten habe Fred Stumpf ihr die Einkäufe nach Hause getragen. Jetzt sei sie auf ihre Schwiegertochter angewiesen. Sie werde insbesondere das Familiäre vermissen: Mit Ruhe einkaufen, Bekannte treffen und ein Schwätzchen halten. "Das ist nicht so unpersönlich wie in der Stadt. Dort muss alles schnell gehen", weiß sie aus schlechter Erfahrung. Für ein gutes Gespräch hat sich Elvira Stumpf immer gerne Zeit genommen. "Die Leute wollten bei mir oft einfach was los werden", sagt sie. Viel Persönliches habe sie von Kunden erfahren. Und die konnten sicher sein, dass sie es nicht weiter erzählt. "Die Kinder werden mir besonders fehlen", sagt sie. Die Honigkuchengesichter, wenn sie ihnen einen Lutscher oder Bonbon schenkte.

"Das wird auch für uns eine Umstellung werden", ist sich Fred Stumpf sicher. Sechs Tage pro Woche, mit wenig Urlaub - das sei noch so drin. Damit er nicht "in ein Loch fällt", werde er seinen Getränkeshop zunächst stundenweise weiter führen und darin auch ein paar Lebensmittel anbieten: "Mal sehen, wie es angenommen wird." Als besonderen Service hat er älteren alleinstehenden Personen angeboten, sie nach Hause zu beliefern. "Das ist kein großer Umstand für mich. Ich fahre schließlich weiterhin in den Großmarkt nach Fulda."

Doch jetzt heißt es erst einmal: "Alles muss raus". In dieser Woche erhält Fred Stumpf die letzte Lieferung und ab Donnerstag, 26. März startet der große Abverkauf. Auch Regale und Theken gehen dann "über den Ladentisch". Denn pünktlich am 1. April starten die Umbauarbeiten.

Ab Frühsommer können die Mottener die Wurst- und Fleischerzeugnisse der Metzgerei Ziegler und die Backwaren der Firma Pappert im ehemaligen "Stumpfs Lödee" erwerben.