Der Rhönklubpräsident Jürgen Reinhardt (Fulda) hat sich anlässlich der 140. Hauptversammlung des Rhönklubs am kommenden Wochenende mit der Geschichte der Wanderbewegung befasst. Diese ist auch ein Teil der Geschichte des Rhönklubs, der 1876 gegründet wurde.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam beim Bildungsbürgertum eine neue Naturbegeisterung auf. Begriffe wie "Zurück zur Natur" waren in aller Munde und bereiteten dem in den Kinderschuhen steckenden Tourismus geistig den Boden. Im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert zeichnete sich langsam eine Entwicklung zum zweckfreien Wandern ab. Ungefähr in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Wandern institutionalisiert. Im Dezember 1857 wurde der erste nationale Alpenverein in England gegründet.


Vorbild Alpenverein

Wandervereine, die ihr Betätigungsfeld in der deutschen Mittelgebirgslandschaft sahen, folgten den Vorbildern der Alpenvereine, unter ihnen der Rhönklub, der am 6. August 1876 in Gersfeld gegründet wurde. Das Ziel war, die Rhön als Wandergebiet zu erschließen. Initiator war der Fuldaer Arzt Justus Schneider. Im 19. Jahrhundert galt die Rhön als das "Armenhaus Deutschlands", die Bewohner dieses Landstrichs, dem man wegen des rauen Klimas den Beinamen "Deutsches Sibirien" gegeben hatte, ernährten sich von den kargen Erträgen ihrer Äcker, die bis zu einer Höhe von 700 Metern reichten.


Lebensverhältnisse verbessern

Der Rhöner galt als sehr genügsam, aber auch als besonders gastfreundlich. Bei Justus Schneider reifte der Entschluss, zur Gründung eines "Rhönclubs" nach Gersfeld einzuladen. Ziel sollte sein, die Lebensverhältnisse der Rhöner Bevölkerung zu verbessern. Logierhäuser und Wirtshäuser, Wanderhütten und Aussichtstürme sollten gebaut, Ruhebänke und Wanderwege angelegt werden. Die ungünstigen Verkehrsverbindungen galt es zu verbessern.

Obwohl die Rhön schon immer ein "geteiltes" Land war, fanden sich aus 16 Orten weit mehr Rhönfreunde in Gersfeld ein als erwartet. Der Rhönklub wurde mit großer Begeisterung gegründet. Justus Schneider wurde der erste Präsident und Fulda Sitz des Vereins. Die Vertreter der 16 Städte und Dörfer gründeten zeitnah "Sektionen" (heute Zweigvereine). Die Zahl der "Sektionen" und die Zahl der Mitglieder wuchsen ständig. Ein besonderes Anliegen war es dem Präsidenten allen Bewohnern der Rhön zu dienen.


Toten-Ehrenmal 1923 eingeweiht

Die Idee zum Toten-Ehrenmal auf dem Heidelstein entstand 1923, es wurde im selben Jahr eingeweiht. Jährlich im September wird dort der Verstorbenen des Rhönklubs im Rahmen der "Heidelsteinfeier" gedacht. 1926 zählte der Rhönklub 70 Zweigvereine. Ein großes Wanderwegenetz war aufgebaut worden, auf den Bergen entstanden Rhönklubhütten. Der Volksschullehrer Karl Straub hatte 1929 erstmals im Auftrag des Hauptvorstandes des Rhönklubs einen Rhönkalender herausgegeben, der bis heute jährlich aufgelegt wird.


DDR verbietet Vereine

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges übernahm Oswald Milker die Vereinsführung, und er rettete den Rhönklub über die Zeit des Nationalsozialismus. Er musste sich 1941 in "Rhönbund" umbenennen. Nur noch 3000 Mitglieder zählte 1946 der Gesamtverein. 16 Zweigvereine in Thüringen wurden in der DDR als "faschistische Vereine" verboten. Der "Eiserne Vorhang" trennte den Verein. Ostflüchtlinge kamen in die Rhön, ihnen gab der Verein eine neue Heimat. Der fünfte Präsident Josef Hans Sauer schuf den Posten des Hauptkulturwartes. Der Rhönklub dürfe nicht nur ein Wanderverein sein, sondern müsse sich auch um die Erhaltung der traditionellen Kulturgüter der Rhön bemühen.

1976 zählte der Rhönklub in 71 Zweigvereinen über 15.000 Mitglieder. Alfons Lühn, der sechste Präsident, steigerte die Mitgliederzahl. Er setzte eine Satzungsänderung durch, der zufolge dem Naturschutz eine größere Bedeutung beigemessen werden konnte. Nach seinem Ausscheiden übernahm 1989 mit Regina Rinke erstmals eine Frau aus dem bayerischen Teil der Rhön die Leitung.


Öffnung nach Thüringen

In diesem Jahr vollzog sich die politische Wende, für den Rhönklub bedeutete die Einheit Deutschlands die Öffnung nach Thüringen. Spontan entstanden in 19 Orten Thüringens neue oder auch alte Rhönklub-Zweigvereine. 2008 veranstaltete der Rhönklub in Fulda und der Rhön den 108. Deutschen Wandertag. Die bisherigen Gaue wurden ebenfalls im Jahr 2008 in Regionen umbenannt. 2011 fusionierten die Regionen Saale und Sinn zur Region Saale/Sinn. So gibt es nun die Region Werra, Region Fulda, Region Saale/Sinn, Region Ulster.


Programm der Hauptversammlung in Gersfeld

Samstag, 2. Juli 10 Uhr:
Sitzung des Hauptvorstands im Hotel Sonne. 14 Uhr: Empfang der Wimpelgruppe auf der Schwedenschanze. 16.30 Uhr: Wimpelübergabe im Rathaus Gersfeld, mit einem anschließenden Empfang durch den Bürgermeister. 18 Uhr: Kurze Gedenkfeier im Gründungslokal "Zum Hirsch".

Sonntag, 3. Juli 9 Uhr: Ökumenischer Gottesdienst in der Barockkirche Gersfeld. 10 Uhr: Fachwartetagungen. 13 Uhr: Jugend lädt zum Tanz vor der Stadthalle ein. 14 Uhr: Delegiertenversammlung in der Stadthalle. 16.30 Uhr: Schlusskundgebung.