Eine kleine Blaumeise landet auf dem Haselnussast. Sie steuert das Futtersilo an, das Dieter Fünfstück zwischen dem Holz aufgehängt hat. Sie steckt ihren Schnabel zwischen die Gitterstäbe und knuspert an den Walnüssen und Haselnüssen. Ein fetter Leckerbissen. So schmackhaft die Früchte auch sind, die Spezialität bleibt fast unberührt in diesen Tagen. Die Meise macht sich rar, doch Amsel und Grünfink schauen noch seltener vorbei.
Das hat die Vogelzählung des Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V. (LBV) in Zusammenarbeit mit dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) ergeben.

Beobachtungen im Landkreis

Im Landkreis Bad Kissingen ist die Kohlmeise der Vogel, der am häufigsten gezählt und bisher gemeldet wurde. 82 Menschen haben sich eine Stunde lang auf die Lauer gelegt und im Garten, im Park oder auf dem Balkon Vögel beobachtet. Am Ende gilt nicht die Summe, sondern die höchste Anzahl, damit Dopplungen vermieden werden. Jedes Jahr findet die Zählung "Stunde der Wintervögel" um den Dreikönigstag statt. Das Ergebnis soll Ende Januar feststehen, inzwischen ließen sich schon Tendenzen ablesen, erklärt Markus Erlwein, Sprecher des LBV.

"Es sind mehr Vögel hier geblieben und gar nicht erst in den Süden geflogen." Diese Entwicklung habe sich bereits in den vergangenen Jahren abgezeichnet. Gleichzeitig gebe es heuer wohl weniger Kohlmeisen in den Gärten. "Die Zuzüge aus Nord- und Osteuropa fehlen. Wenn es dort nicht zu kalt ist, kommen die nicht zu uns", erklärt der 36-Jährige.

Das ist Dieter Fünfstück aus Oerlenbach aufgefallen. Der Vorsitzende der Bad Kissinger Kreisgruppe des LBV zählt sonst immer mit. Dieses Jahr hat er ausgesetzt. "Es war nichts los. Kurzfristig taucht mal eine Kohlmeise oder eine Blaumeise auf, aber dann sind sie wieder für Stunden verschwunden." Ungewöhnlich für diese Zeit. Grund: die milde Witterung. "Die Vögel finden in ihren Revieren noch zu fressen. Sie bleiben dort, wo sie sich am besten auskennen", sagt Markus Erlwein. Wenn der Frost kommt, ändere sich das. "Erst dann begeben sie sich auf die gefährliche Reise in den Garten, wo sie immer mit Katzen und Greifvögeln rechnen müssen."

Weniger Futter in der Natur

Der Feldsperling scheut diese Reise nicht. Im Gegenteil. "Feldvögel werden vermehrt in Gärten beobachtet." Dieser Eindruck entstehe auch bei der diesjährigen Zählung. Grund dafür sei das schrumpfende Nahrungsangebot in der Flur, ausgelöst von der extensiven Landwirtschaft, erklärt der LBV-Sprecher. Bayernweit ist der Feldsperling bislang Spitzenreiter auf den Listen der Beobachter. Insgesamt seien aber weniger Vögel als in den Vorjahren gezählt worden.

"Der Lebensraum draußen im Freien wird in die Siedlungen geholt", sagt Dieter Fünfstück. Waldvögel wie Elstern bewegen sich deshalb auch dorthin. Sie haben es auf die Jungvögel in den Nester abgesehen. Gleichzeitig fehlt seit einigen Jahren der Spatz. Der siedelt sich gerne an Dachvorsprüngen an. "Die Bauweise der neuen Häuser lässt das gar nicht mehr zu", sagt Dieter Fünfstück. Auch die Population des Grünfink hat abgenommen. Schuld daran ist ein Erreger, der den Vogel befällt und ihn tötet. "Das scheint sich auch in der diesjährigen Zählung bemerkbar zu machen", sagt Markus Erlwein.

Dieter Fünfstück hat das Futtersilo für die Vögel an seinem Balkon angebracht. Er hält für sie einen Vorrat an Nüssen bereit und hofft, dass den bald mehr Tiere beanspruchen.


Organisation: Die Zählung veranstaltet der Landesbund für Vogelschutz (LBV) mit seinem Partner dem Naturschutzbund Deutschland (NABU). Bundesweit beobachten Naturfreunde in einem abgesteckten Zeitraum um den Dreikönigstag Vögel an einem Ort ihrer Wahl und zeichnen ihre Ergebnisse auf.

Aktion: Bei der "Stunde der Wintervögel" haben mehr als 58 000 Menschen teilgenommen und in 41 500 Gärten rund 1,6 Millionen Vögel gesichtet. Ende Januar soll das Ergebnis feststehen.

Ziel: Die Zählung soll ein regionales und bundesweites Bild der Vogelwelt liefern.