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Nürnberg
Geschichte, Gegenwart, Zukunft

Kann man Frieden üben?

In Nürnberg sucht eine neue alternative Stadtführung Orte des (Un-)Friedens auf und fragt: "Frieden geht - Geht Frieden?"
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Marlene Gries in der "Straße der Menschenrechte", einer Station der alternativen Stadtführung in Nürnberg.  Marion Krüger-Hundrup
Marlene Gries in der "Straße der Menschenrechte", einer Station der alternativen Stadtführung in Nürnberg. Marion Krüger-Hundrup
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Welchen Belag hätten Sie denn gern auf Ihrer Pizza? Demokratie oder Freiheit? Pünktlichkeit oder Fröhlichkeit? Toleranz oder Spiritualität? Sie haben die Qual der Wahl, und Marlene Gries die Aufgabe, mit Straßenmalkreide diese Pizza auf das Pflaster zu zaubern. Und zwar in der "Straße der Menschenrechte", die in Nürnberg einen politischen und gesellschaftlichen Akzent setzt. In dieser fränkischen Metropole, in der Orte des Friedens und des Unfriedens die geschichtlichen Fäden der Stadt eng verweben.

Marlene Gries hat dieses enge Geflecht nun auf einzigartige Weise entwirrt. Die nebenberufliche pädagogische Mitarbeiterin der Katholischen Stadtkirche in Nürnberg entwickelte alternative Stadtführungen unter dem Titel "Frieden geht - Geht Frieden?" Wer die 30-Jährige bei dieser etwa zweistündigen Tour durch die Innenstadt erlebt, spürt sofort: "Frieden ist mir ein Herzensanliegen!" Das sagt Marlene Gries selbst. Und sie sagt auch, dass Frieden nicht bloß die Abwesenheit von Krieg ist, sondern auch ein Prozess im Miteinander. Im kleinen Umfeld der Familie, Schule, Arbeitsbereiche. In der gewaltfreien Kommunikation.

Ein Prozess, in den die friedensbewegten Teilnehmer einer solchen Stadtführung gleich einsteigen können. Denn nur Zahlen, Daten, Fakten konsumieren, ist nicht einziges Ziel dieses Angebots. Die gebürtige Scheßlitzerin Gries fordert auf ihre charmante Art zum Mitmachen und Mitdenken auf. "Interaktiv und kritisch" soll es zugehen an den sechs Stationen, die sie ansteuert. "Wertekärtchen" für die Pizza wählen wie in der "Straße der Menschenrechte" ist da noch eine recht leichte Einübung in Sachen Frieden.

Alles andere als schön friedlich eröffnet Marlene Gries den Rundgang am "Schönen Brunnen" auf dem Hauptmarkt. Also genau dort, wo im Jahr 1349 rund 600 Juden in einem Pogrom ermordet wurden. Genau dort, wo die Nazis bereits 1934 aus antisemitischen Gründen den Neptunbrunnen entfernten, der von dem Juden Gerngroß gestiftet worden war. "Der Brunnen hat die Nazis bei ihren Aufmärschen gestört", weiß Marlene Gries. Und sie weiß auch, dass der Brunnen - entgegen der Stifterauflage - seit 1962 im Stadtpark platziert ist: "Mehrere Versuche von Altstadtfreunden und Bürgerinitiativen, ihn wieder auf den Hauptmarkt zurückzuholen, verliefen erfolglos", so Gries.

Die junge Frau wagt an die Mitgehenden die Frage zu stellen, ob an Nürnbergs Selbstbild "Stadt des Friedens und der Menschenrechte" etwas dran ist. Marlene Gries erinnert an die terroristische rechtsextreme Vereinigung NSU, die in Nürnberg drei der zehn Morde an türkischstämmigen Kleinunternehmern verübte.

Unwillkürlich stockt der Atem. Doch Marlene Gries gibt eine erste Entwarnung. Verweist auf das in Deutschland einmalige Menschenrechtsbüro in Nürnberg mit seinen vielfältigen Aufgaben, dem es um die Förderung der Menschenrechte auf internationaler Ebene geht ebenso wie um die Wahrung und Stärkung dieser universellen Rechte vor Ort.

Nach dem Aufatmen kommt die nächste tiefgründige Anfrage. An der Lorenzkirche, wo der "Nürnberger Kreuzweg" von Karl Prantl an die Opfer des NS-Terrors erinnert. Die Steine stammen von der "Großen Straße" des einstigen nationalsozialistischen Reichsparteitagsgeländes. Marlene Gries thematisiert hier Demokratie und was diese gefährdet. Wie die Zivilgesellschaft sich positioniert. Da kann niemand kneifen, man muss sich äußern.

Stellung beziehen müssen die Pilger auch am NSU-Mahnmal am Kartäusertor, friedvoll flankiert von

Ginko-Bäumen. Hier geht es um Opfer rechtsradikaler Gewalt. Um Zivilcourage. Pädagogin Gries zitiert Willy Brandt: "Wo die Zivilcourage keine Heimat hat, reicht die Freiheit nicht weit." Die Teilnehmer werden verbal mit Situationen konfrontiert, in denen sie Mut zum Eingreifen beweisen müssten. Würde jeder in Freiheit entscheiden?

Am Hallplatz steht ein buntes Stück Berliner Mauer. Einst ein Bauwerk der Spaltung Europas, heute ein Symbol für eine friedliche Revolution. Auch hier belässt es Marlene Gries nicht bei bloßer Betrachtung. Sie will wissen, ob Mauern helfen, Konflikte zu lösen. Oder ob sie ein Akt der Hilflosigkeit sind. Die Stadtführerin präsentiert eine Weltkarte: "Auf dem Globus existieren 70 Grenzmauern oder befinden sich in Planung, das sind fünf Mal so viele wie zur Zeit des Mauerfalls 1989." Mauern trennen Arme von Reichen, Mächtige von Ohnmächtigen, Privilegierte von Unterprivilegierten. Marlene Gries: "Knapp 60 Prozent aller Mauern und Grenzanlagen haben derzeit zum Ziel, Migration zu verhindern." Sie zeigt eine weitere Landkarte, nennt Details von bewaffneten Konflikten und Kriegen weltweit. Und immer haben die Industrienationen ihre schmutzigen Finger mit im todbringenden Treiben.

Hoffnung strahlt in der letzten Station auf: im "Fenster zur Welt", dem Weltladen der Katholischen Stadtkirche Nürnberg. Hier erfahren die aufgeweckten Stadtläufer, dass die Hilfswerke der Kirche ihre Jahresarbeit 2020 unter das gemeinsame Motto "Frieden leben" gestellt haben. Und mit ihren Projekten in den Ländern des globalen Südens dem Frieden auf die Sprünge helfen. Marlene Gries berichtet über Fairen Handel und dessen Beitrag zu Frieden und Entwicklung. "Frieden bedeutet, dass alle Menschen an der Fülle des Lebens teilhaben können", sagt sie. Dafür brauche es ökologische und soziale Leitplanken.

Und es braucht Selbsterkenntnis. Zu guter Letzt hebt die Stadtführerin drei Reflexionsplakate. Jeder überlegt, was er aus der Stadtführung mitnimmt, was ihm gefallen hat. Und was oder wer ihn gestört hat. Marlene Gries lächelt fein: "Wer ist der Störenfried?"

INFO: Die alternative Stadtführung "Frieden geht - Geht Frieden?" wird in Corona-Zeiten für jeweils maximal acht Teilnehmer angeboten. Größere Gruppen bis 15 Personen wie z.B. Schulklassen (ab 16 Jahre) werden geteilt und von zwei Stadtführerinnen begleitet. Für die nächsten noch nicht ausgebuchten Führungen am 6. Juli und 23. Juli, jeweils 17 Uhr, kann man sich anmelden unter friedenleben@stadtkirche-nuernberg.de