Viele haben alles verloren
Nach ukrainischen Maßstäben könne sie sich aber «als ziemlich glücklichen Menschen» bezeichnen. Sie habe aus ihrer Familie niemanden an der Front verloren. Und auch bei Angriffen seien sie verschont geblieben. «Ich habe eine Bekannte, die hat bei einem Raketenangriff ihre Eltern, ihr Zuhause und den Glauben an die Zukunft verloren.»
Daher wolle sie den Deutschen sagen: «Schätzt jeden Moment eures Lebens, schätzt die Menschen, die euch nahestehen, schätzt, dass ihr nachts ruhig schlafen könnt, und schätzt überhaupt alles, was ihr habt. Manche haben nicht so viel Glück wir ihr!»
Ihrer deutschen Familie in Fleringen ist Nika sehr dankbar. Zu ihr kam sie über einen familiären Kontakt wenige Tage nach Kriegsausbruch. «Da war ich gerade 15 Jahre alt und ich wollte das eigentlich gar nicht. Aber ich wusste, dass ich muss.» Ihre Mutter habe sie in die Eifel gebracht, musste dann aber wegen der Arbeit wieder zurück nach Kiew.
«Was kommt noch?»
Der Anfang sei schwer gewesen, sagte die 19-Jährige. Sie habe kein Deutsch gekonnt, niemanden gekannt. Sie ging in Prüm in die Schule und machte nebenbei nach der elften Klasse ihr ukrainisches Abitur - online. Familie Eichten sei ihre zweite Familie geworden, sagt sie.
Der Krieg schwäche die ganze Nation. In der Ukraine würden nicht nur Menschen getötet, sondern auch der Glaube der Menschen an die Zukunft: «Der Glaube, dass meine Eltern in einer Woche noch am Leben sein werden, der Glaube, dass ich ruhig schlafen kann, ohne Angst zu haben, im Schlaf getötet zu werden.» Und der Glaube, dass sie ein Dach über dem Kopf und ein warmes Essen auf dem Tisch haben werde.
Die Ukrainerin sagt, sie würde gerne später vielleicht Politikerin werden. «Ich mag Politik. Politik ist so viel im Leben.» In welchem Land sie am liebsten Politik machen wolle, wisse sie noch nicht. Auch wenn sie nicht glaube, dass es in der Ukraine bald Frieden geben werde, sei das doch ihr größter Wunsch. Klar sei ihr aber auch: «Auch dann ist in der Ukraine nichts wie vorher.»
Am vierten Jahrestag des Kriegsausbruchs - am 24. Februar - wird Nika nichts tun, sondern Innehalten. «Meine Freunde und ich, wir werden dann nur reden. Über das, was ist. Und wohl sagen: "Oh, es ist schon das vierte Jahr".» Und uns die Frage stellen: «Was kommt noch?»