Ähnlich äußerte sich die Bundesnetzagentur: Speicherfüllstände könnten nicht mehr allein zur Bewertung der Versorgungslage herangezogen werden.
Laut Verordnung müssen die Speicher zu mindestens 80 Prozent gefüllt sein - allerdings gilt für sechs Speicher ein reduziertes Ziel von 45 Prozent. Daraus ergibt sich eine durchschnittliche Füllstandsvorgabe von 70 Prozent. Die Speicher sind aktuell unterschiedlich stark befüllt.
Speicherverband: «Warnsignal»
Sebastian Heinermann, Geschäftsführer des Branchenverbands Initiative Energien Speichern (Ines), sprach von einem «ernstzunehmenden Warnsignal», dass die Vorgaben zum 1. November nicht erreicht werden. «Deutschland startet mit geringeren Sicherheitsreserven in die Heizperiode. Damit wächst die Verwundbarkeit der Gasversorgung, insbesondere bei außergewöhnlich niedrigen Temperaturen oder zusätzlichen Störungen der Gasimporte.»
Die Speicher stellen nach Ines-Angaben insbesondere an kalten Wintertagen und in kurzer Zeit große zusätzliche Gasmengen bereit.
Gründe für niedrige Füllstände
Normalerweise kaufen Großhändler im Sommer Erdgas günstig ein. Sie speichern es und verkaufen es im Winter mit Gewinn weiter, um auch die Kosten der Speicherung zu decken. Der Iran-Konflikt aber sorgt für hohe Großhandelspreise. Dadurch ist die Einspeicherung wirtschaftlich nur begrenzt attraktiv, da Gas im Sommer teurer eingekauft werden müsse, als es nach derzeitigen Erwartungen für den Winter verkauft werden könne, wie der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft erläuterte. Reiche wies Ende September das bundeseigene Energieunternehmen Sefe an, vermehrt Erdgas einzuspeichern.
Ministerium zielt mit Maßnahmen auf Spätwinter
Die Sprecherin des Wirtschaftsministeriums sagte, die Bundesregierung habe vorsorglich weitere Maßnahmen zur Absicherung der Gasversorgung im Winter ergriffen. Dazu gehörten spezielle Ausschreibungen, mit denen Gasmengen gegen zu frühe Ausspeicherung abgesichert werden sollten. «Diese Maßnahmen greifen teilweise erst nach dem 1. November und sind daher in den aktuellen Speicherfüllständen nicht oder noch nicht vollständig abgebildet. Sie zahlen jedoch positiv auf die Versorgungssicherheit ein, insbesondere für den Spätwinter, wenn die Speicherfüllstände sinken.»
Belastung zum Ende des Winters?
«Sehr niedrige Speicherfüllstände gegen Ende des Winters sind aus Sicht der Versorgungssicherheit besonders kritisch», so Heinermann. «Denn mit sinkendem Füllstand nimmt nicht nur die gespeicherte Gasmenge ab, sondern auch die technisch verfügbare Ausspeicherleistung. Die Speicher können dann immer weniger Gas pro Tag bereitstellen. Das kann insbesondere im Februar und März zum Problem werden, wenn nach einem längeren kalten Winter erneut hohe Verbrauchsspitzen auftreten.»
Die Speicherbefüllung für kommende Winter müsse verbindlicher abgesichert werden. «Es ist deshalb richtig und wichtig, dass sich das Bundeswirtschaftsministerium für die Einführung einer Lieferantenverpflichtung offen zeigt.»
Höhere Preise?
Der Grünen-Energiepolitiker Kellner sagte: «Die Gasspeicher sind so leer, dass Deutschland für den Winter keinen Sicherheitspuffer hat. Jede Kaltfront, jede kleine Störung in der Lieferkette wird daher sofort zu höheren Gaspreisen führen. Die Verbraucherinnen und Verbraucher zahlen über steigende Heizkosten für diese mangelnde Vorsorge.» In den Stunden, wo teures fossiles Gas preissetzend sei, werde die Industrie unter sehr hohen Strompreisen leiden.
Kehler sagte: «Geringe Füllstände zum Ende des Winters bedeuten weniger Puffer bei Kälteperioden und können damit auf den Spotmärkten Preisspitzen auslösen.» Kellner sprach sich für einen beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien aus, um unabhängig von fossilen Energien zu werden.
Nationale Gasreserve geplant
Die Vorgaben zu den Füllständen werden nicht verlängert - sie treten zum 31. März 2027 außer Kraft. Geplant ist eine nationale Gasreserve - als Sicherheitspolster. Die Reserve soll 2027 zum Winter hin stufenweise über mehrere Jahre aufgebaut werden. «Die Gasreserve dient der Krisenvorsorge für Extremfälle, Sabotage und seltene Großereignisse», heißt es in einem Gesetzentwurf des Wirtschaftsministeriums. Es sollen «zusätzliche physische Gasmengen» vorgehalten werden. Die Gasreserve soll einen Umfang von 24 Milliarden Kilowattstunden haben - das entspräche etwa zehn Prozent der Speicherkapazität. Finanziert werden soll die Reserve über eine Umlage.