Den derzeitigen Anstieg der Corona-Fallzahlen in Deutschland sieht der Experte Klaus Stöhr gelassen. Im ZDF-"Morgenmagazin" sprach er am Donnerstag (16. Juni 2022) von "irrelevanten Meldeinzidenzen". Man müsse auf die Entwicklung in den Krankenhäusern achten. "Und da sehen wir eigentlich gar keine Zunahme. Ganz im Gegenteil. Die Situation ist so entspannt, wie man es nur hoffen konnte für den Sommer. Und daran wird sich auch nichts dramatisch ändern", sagte Stöhr, der Mitglied im Sachverständigenausschuss zur wissenschaftlichen Beurteilung der staatlichen Corona-Beschränkungen ist.

Am Vortag hatte der Virologe bereits in einem Gespräch mit ntv erklärt: "Sommerwelle ja, was die Inzidenz betrifft. Aber auf den Intensivstationen, bei der Krankheitslast, da sehen wir das überhaupt nicht." Es drohe keine Überlastung. Daher hält Stöhr die jetzigen Rufe nach verschärften Maßnahmen für verfrüht. "Der Ruf nach Maskentragen ist meines Erachtens ein 'Feuer, Feuer'-Rufen. Und ich hoffe, dass man im Herbst dann immer noch auf denjenigen hört, der das ruft, denn dann wird man es wieder brauchen."

Virologe Stöhr spricht sich gegen Maskentragen aus - zumindest jetzt im Sommer

Stöhr betonte, dass der breite, langandauernde Schutz für jede Person erst durch die Infektion komme. "Wer jetzt nach Masken ruft, das darf man immer nicht vergessen, der nimmt eigentlich auch den Menschen die Gelegenheit, sich langfristig mit dem Coronavirus zu arrangieren." Zwar sollte man vor einer Infektion geimpft worden sein. Jeder, der sich langfristig schützen wolle, müsse sich impfen lassen, sagte Stöhr. Aber erst die Kombination aus Impfung und Infektion bringe den "langen und sicheren Schutz".

Eine Booster-Impfung für alle hält Stöhr derzeit ebenso für unangebracht. Ausnahme seien Risikopatienten, die zum Beispiel eine Immuntherapie oder Krebsbehandlung durchgemacht haben. "Aber wenn ich mich - ich bin auch über 60 - impfen lassen würde in diesem Jahr, dann im Herbst", so der Virologe. Mit frischer Impfung, mit gutem und breitem Immunschutz in den Winter zu gehen, sei vernünftiger, "weil jetzt im Sommer die Infektionswahrscheinlichkeit geringer ist".

Der Deutsche Hausärzteverband sieht das offenbar ähnlich und hält daher das Offenhalten der Corona-Impfzentren im Sommer für überflüssig. "Die Impfzentren stehen deutschlandweit leer", sagte Verbandspräsident Ulrich Weigeldt den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (Donnerstag).

Hausärzte fordern Schließung von Impfzentren im Sommer: Geld wird woanders gebraucht

"Weswegen sie jetzt den gesamten Sommer weiterbetrieben werden sollen, erschließt sich überhaupt nicht." Das koste viel Geld, das woanders dringend gebraucht werde. "Die Hausärztinnen und Hausärzte haben bewiesen, dass die Impfungen in den Praxen am besten aufgehoben sind." Mit Blick auf Bezirke oder Regionen mit niedrigen Impfquoten, seien in der Vergangenheit zudem vielerorts gute Erfahrungen mit mobilen Impfteams gemacht worden. "Das ist ein Modell, das sicherlich auch im Hinblick auf den Herbst Sinn ergibt."

Die Infektionen mit dem Coronavirus hatten in Deutschland zuletzt wieder zugenommen. Das Bundesgesundheitsministerium arbeitet nach Angaben von Minister Karl Lauterbach (SPD) an einer Impfkampagne für die kommenden Monate.

mit dpa