Steigen die Anleiherenditen, wird die Aufnahme neuer Schulden teurer. Zuletzt hatten Ratingagenturen vor einer steigenden Zinslast bei wachsenden Schulden gewarnt. Noch könne Deutschland von vergleichsweise günstigen Finanzierungskosten profitieren, sagte die Deutschland-Expertin der Ratingagentur Fitch, Malgorzata Wegner, jüngst der «Welt am Sonntag». Allerdings verteuern höhere Kapitalmarktzinsen und die wachsende Kreditaufnahme den Schuldendienst.
Der Renditeanstieg hat auch Folgen für Immobilienkäufer und Bauherren in Deutschland, da sich Bauzinsen an zehnjährigen Bundesanleihen orientieren. Da Bauherren und Hauskäufer in der Regel hohe Summen per Kredit finanzieren, können schon kleine Aufschläge teuer werden und Pläne zunichtemachen.
Wie hoch können die Renditen noch steigen?
Seit Monaten zählen hohe Energiekosten zu den stärksten Treibern der Inflation und damit verbunden zu den wichtigsten Triebfedern für den Anstieg der Renditen. Die Blockade der Transporte von wichtigen Energierohstoffen aus den Fördergebieten am Persischen Golf durch die Straße von Hormus treibt seit Monaten die Kosten für Öl und Gas nach oben, und nach wie vor gibt es keine Aussicht auf eine Öffnung der wichtigen Meerenge. Zwar gab es mehrfach diplomatische Bemühungen um eine Lösung des Konflikts zwischen den USA und dem Iran. Sie brachten bisher aber keine wesentlichen Fortschritte.
Hinzu kommt, dass der hohe Kapitalbedarf von vielen Unternehmen aus dem Technologiebereich infolge des Booms der Künstlichen Intelligenz und die wachsende Verschuldung großer Volkswirtschaften eine enorme Nachfrage nach Kapital erzeugen. Nach Einschätzung von Johannes Mayr, Chefvolkswirt von Eyb & Wallwitz, tobt ein Kampf um das Kapital: «Hier sind große Kräfte am Werk, die die Renditen tendenziell nach oben drücken.»
Droht eine neue Schuldenkrise in der Eurozone?
Die Renditen für Bundesanleihen zählen trotz des Höhenflugs zu den niedrigsten in Europa. In Frankreich, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Eurozone, werden die Staatsanleihen mit einer deutlich höheren Rendite gehandelt. Hier sind es bei einer Laufzeit von zehn Jahren 4,64 Prozent. In Italien, der drittgrößten Volkswirtschaft, beträgt die Rendite 4,50 Prozent. Zum Vergleich: Im Zuge der Euro-Schuldenkrise musste Italien 2011 für die Verschuldung zeitweise Renditen von mehr als sieben Prozent verkraften.
Hinzu kommt, dass die Europäische Zentralbank mittlerweile über eine Vielzahl an Möglichkeiten zur Bekämpfung einer möglichen Krise verfügt, deren Wirksamkeit sich bereits in der vergangenen Euro-Schuldenkrise erwiesen hat. Des Weiteren muss auch jederzeit mit fallenden Renditen gerechnet werden.
Die Energiepreise haben in den vergangenen Monaten kräftig geschwankt. Sollte es doch zu einer Verständigung für eine Öffnung der Straße von Hormus kommen, könnten die Preise für Öl und Gas schnell wieder fallen, was unmittelbare Auswirkungen auf die Rendite von Staatsanleihen hätte. Eine ähnliche Reaktion erwartet Eyb & Wallwitz-Ökonom Mayr auch im Fall einer Krise in der Tech-Branche: «Sollte der KI-Trend kollabieren, würden die Renditen sehr schnell nach unten kommen.»