In einem solchen Szenario müsste Merz den Weg für eine Kanzler-Neuwahl «im laufenden Galopp» - also im derzeitigen Bundestag mit seiner schwarz-roten Mehrheit - selbst frei machen. Oder durch den Druck führender Parteifreunde zum Verzicht gebracht werden. Gemeinsam mit der SPD könnten die Abgeordneten von CDU und CSU dann einen neuen Kanzler wählen. Doch einfach wäre ein solcher Prozess in der Union nicht. Ganz zu schweigen davon, ob die SPD mitziehen würde.
Für Wüst ist Düsseldorf aktuell besser als Berlin
Auch Wüst könne aktuell kein Interesse haben, aus Düsseldorf zu wechseln, heißt es unter Parteifreunden in Berlin. In der Unionsfraktion im Bundestag fragen sich CDU-Abgeordnete zudem, wer ein Interesse daran haben könne, Wüst ausgerechnet jetzt im Zusammenhang mit einem Kanzlertausch zu nennen. Womöglich jene, die diesem schaden und mögliche Ambitionen im Ansatz «verbrennen» wollten?
Auf der anderen Seite glauben einige seit längerem, dass Wüst sehr wohl ein geeigneter Kandidat für das Kanzleramt wäre. Zum einen bringe er viel Regierungserfahrung mit - Merz wird das Gegenteil vorgeworfen. Zum anderen könne er auch mit den Grünen, siehe NRW. Gut möglich, dass die Union in einer nächsten Regierung nicht an den Grünen als Partner vorbeikäme.
Wüst wurde schon 2024 für Berlin gehandelt, stellte sich dann aber öffentlichkeitswirksam hinter Merz, als dieser als Kanzlerkandidat bereits feststand. Offiziell lässt Wüst nie etwas zu möglichen Ambitionen auf das Kanzleramt durchblicken. Erst vor kurzem ist der 50-Jährige zum zweiten Mal Vater geworden und erklärt immer wieder, wie wichtig ihm Zeit mit der Familie ist. Als Kanzler wäre mit Familienzeit wahrscheinlich zum größten Teil Schluss.
Wüst vermeidet Fehler
Dass Wüst auf international schwierigem Parkett bestehen kann, zeigte er vergangene Woche bei seiner Reise nach Schlesien und seinem ersten Besuch im ehemaligen deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Begleitet wurde Wüst von einem Tross Hauptstadtjournalisten. Dabei traf er ja nicht etwa die polnische Regierung in Warschau, sondern nur den Verwaltungschef der NRW-Partnerregion Schlesien in Kattowitz. Der Besuch in Auschwitz gehört zudem zu den Pflichten eines jeden Landesregierungschefs.
Wüst inszeniert sich auf Instagram als nahbarer Landesvater. Der Ministerpräsident regiert präsidial, mischt sich auch im Landtag nicht in Streitigkeiten ein. Nichts überlässt er dem Zufall, lässt sich nicht in Debatten provozieren, hält sich so gut wie immer an seine Manuskripte.
Bei politischen Problemen in NRW verweist Wüst gern auf die Verantwortung in Berlin. Gerühmt wird er für sein «geräuschloses» Regieren in der seit 2022 bestehenden Koalition mit den Grünen. Koalitionsausschüsse in Düsseldorf verlaufen - anders als in Berlin - grundsätzlich hinter den Kulissen, ohne dass Konflikte an die Öffentlichkeit dringen.
NRW-Koalition mit Kratzern
Ende April 2027 aber steht im bevölkerungsreichsten Bundesland die auch für den Bund wichtige Landtagswahl an. Wüsts CDU sitzt zwar laut Umfragen weiter fest im Sattel, doch das Image der harmonischen Koalition hat in den vergangenen Monaten Kratzer bekommen.
Familien- und Flüchtlingsministerin Josefine Paul (Grüne) trat zurück, nachdem sie wegen ihrer schleppenden Kommunikation zum Solinger Terroranschlag von 2024 unter Druck geraten war. Belastet wird die Landesregierung aktuell von einer Affäre um angebliches Führungsversagen und Machtmissrauch durch Wüsts Bau- und Heimatministerin Ina Scharrenbach (CDU). Und monatelang gab es in NRW Proteste gegen eine von Schwarz-Grün geplante Kita-Reform.
AfD im Westen im Aufwind
Die AfD wird auch in NRW immer stärker. Schon bei den Kommunalwahlen 2025 hatte sie ihr landesweites Ergebnis mit 14,5 Prozent fast verdreifacht. Jüngste Umfragen zur Landtagswahl sehen sie in NRW zwischen 17 und 20 Prozent. In Düsseldorf wird der Aufstieg der AfD auch mit dem Zustand der streitenden Berliner schwarz-roten Koalition verbunden. Doch auch Wüsts nach außen harmonischer Regierungsstil kann die AfD im Westen offenbar nicht bremsen.
Die CDU unter Wüst erreicht in Umfragen - trotz Verlusten - mit 32 bis 34 Prozent aber immer noch Ergebnisse, von denen die Union im Bund nur träumen kann. Der Landesparteichef hielt sich schon 2024, als Merz zum Kanzlerkandidat gekürt wurde, ein Türchen nach Berlin offen: Ein NRW-Ministerpräsident sei «immer ein möglicher Kanzlerkandidat», betonte Wüst damals. Und: man solle niemals nie sagen.