Raser-Brüder fahren bei Autorennen Unbeteiligte tot - Richter wird deutlich

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Nach einem illegalen Autorennen mit zwei Toten hat das Gericht das Strafmaß für den Unfallfahrer festgelegt. Warum der Fall juristisch als besonders heikel gilt.

Update vom 07.04.2026, 18.05 Uhr: Lebenslange Haft nach illegalem Autorennen mit zwei Toten

Etwas über ein Jahr nach einem Autorennen mit zwei Toten in Ludwigsburg ist der Unfallverursacher wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Der Mann hatte sich vor einem Jahr mit seinem Bruder in Ludwigsburg ein Rennen geliefert - sein Wagen  hatte das Auto zweier junger Frauen gerammt. Der Bruder, der einen zweiten Wagen gefahren haben soll, muss wegen versuchten Mordes für 13 Jahre ins Gefängnis.

Monatelang hatten sich die Kammer des Stuttgarter Landgerichts, Angehörige, Anwälte und zahlreiche Besucher im Prozess gegen die zwei angeklagten Fahrer und ihren Cousin Videos angesehen, es wurden Gutachten in Auftrag gegeben, Zeugen gehört und Einlassungen verlesen. Im Mittelpunkt stand dabei stets die Frage, ob der Fahrer als Mörder verurteilt oder ob der Fall juristisch anders bewertet wird.

Angeklagt waren zwei Brüder im Alter von 33 und 35 Jahren sowie ihr 26-jähriger Cousin. Nach Überzeugung des Gerichts verabredeten sich die drei Türken am Abend des 20. März 2025 zu einem illegalen Rennen in der Ludwigsburger Innenstadt. Sie rasten durch eine Bahnhofsunterführung, bremsten, stimmten sich ab und beschleunigten erneut – teils in einer Tempo-50-Zone. Dabei filmten sie und feuerten sich an. Schließlich rammte der jüngere Bruder mit mehr als 130 Kilometern pro Stunde das Auto von zwei Frauen im Alter von 22 und 23 Jahren, die gerade eine Tankstelle verlassen wollten und bei dem Unfall starben.

Richter spricht von falsch verstandener Großmannssucht

War das fahrlässig? Nein, urteilt das Landgericht Stuttgart. Die beiden Frauen wurden nach Ansicht des Gerichts bei dem illegalen Autorennen ermordet. Daher verurteilte die Kammer auch den Bruder des Unfallverursachers, der das zweite Auto gefahren hatte. Der Cousin erhielt eine Bewährungsstrafe, weil er bei der fatalen Kollision im zweiten Wagen saß.

Die Worte des Richters sind deutlich: Von falsch verstandener Großmannssucht mit tödlichem Ausgang ist die Rede, die Tat sei hoch verwerflich, ein solches Rennen "auf sittlich niedrigster Stufe". Die Brüder hätten sich über das Lebensrecht anderer Menschen hinweggesetzt und bei ihrem Rennen "ein Zufallsopfer gebilligt". "Es ging darum, das Rennen für sich zu entscheiden", sagte der Richter. Der Geschwindigkeitsrausch und der Geltungsdrang hätten die Brüder dazu getrieben, die Gaspedale voll durchzutreten.

Daher sei die Kammer überzeugt: "Die Überheblichkeit, die Sie an den Tag gelegt haben, müssen Sie büßen. Und zwar zu Recht büßen", sagte der Richter. Und zum Unfallverursacher gerichtet: "Ihr Fahrzeug ist Ihr Traumauto und Ihr Albtraumauto geworden."

Was Angehörige der Opfer sagen

Auch für die Angehörigen, die nach der Urteilsverkündung von den Verwandten und Freunden der Angeklagten getrennt werden mussten, ist es ein Albtraum. Sie hatten in großer Zahl jeden Prozesstag besucht. Das Urteil zeige, dass der Rechtsstaat Menschenleben schütze und bei gravierenden Verstößen auch konsequent ahnde, sagte ihr Anwalt. "Genau das hat sich die Familie auch erhofft.".

"Das war ein Akt hemmungsloser Rücksichtslosigkeit mit tödlichen Folgen", fügte er hinzu. Die harte Bestrafung sei auch im Sinne der Familie. "Sie wollten, dass heute ein Signal gesetzt wird. Ein Signal, dass Rasen Menschenleben töten kann, dass Rasen Familien zerstört."

Mit dem Strafmaß folgt das Landgericht der Forderung der Staatsanwaltschaft und der Nebenkläger, also der Angehörigen. Der mutmaßliche Unfallverursacher habe kurz vor dem Aufprall Vollgas gegeben, obwohl er die lebensgefährliche Situation erkannt habe, hatte die Staatsanwaltschaft argumentiert. Die Verteidiger wollen gegen das Urteil in Revision gehen.

Die Verteidiger hatten die Mordvorwürfe zurückgewiesen. Sie bestritten, dass die Angeklagten den Tod anderer billigend in Kauf genommen hätten und plädierten auf fahrlässige Tötung. Die Angeklagten selbst räumten teils Verantwortung ein, bestritten jedoch, jemanden bewusst gefährdet zu haben.

Gesetzesänderung erlaubt Mordurteil

Juristisch ist der Fall heikel: Seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2017 sind illegale Autorennen ausdrücklich strafbar. Bei Todesopfern drohen mehrjährige Haftstrafen, in besonders schweren Fällen auch eine Verurteilung wegen Mordes. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass ein Fahrer den Tod anderer nicht nur für möglich hält, sondern ihn billigend in Kauf nimmt. In der Vergangenheit haben Gerichte dazu unterschiedlich entschieden – von fahrlässiger Tötung bis hin zu Mordurteilen.

Aber schrecken diese Verschärfungen ab? Experten bezweifeln das stark, außerdem boomt die Raser-Szene. Aus Sicht des Landesinnenministers Thomas Strobl reicht der Strafkatalog für notorische Temposünder hingegen nicht aus. Der Gesetzgeber müsse prüfen, ob besonders unbelehrbare Raser ihre Führerscheine auf Lebenszeit verlieren könnten, fordert der CDU-Politiker.

Allen härteren Strafen und Gerichtsurteilen zum Trotz rasen noch zahllose Menschen um die Wette - und auch weiterhin vorbei an der Ludwigsburger Unfallstelle, an der erst am Tag des Urteils ein Blitzer installiert wurde.

Update vom 25.03.2025, 9.18 Uhr: Mutmaßliches Autorennen in Ludwigsburg - zweiter Verdächtiger noch frei

Der aufgrund des mutmaßlichen Autorennens im baden-württembergischen Ludwigsburg mit zwei Toten inhaftierte Verdächtige war wegen Verkehrsdelikten bereits der Polizei bekannt. Das bestätigte ein Sprecher des lokalen Polizeipräsidiums auf Anfrage. Zuvor hatten mehrere Medien darüber berichtet. Weitere Details zu den Delikten machte der Sprecher nicht.

Ein weiterer Verdächtiger zunächst auf freiem Fuß. "Der Mann ist identifiziert, er sitzt aber auch weiterhin nicht in Untersuchungshaft", erklärte ein Polizeisprecher. Weder dieser Verdächtige noch ein bereits inhaftierter 32-Jähriger haben sich bislang zu den Vorwürfen geäußert, wie das Polizeipräsidium Ludwigsburg und die Staatsanwaltschaft Stuttgart mitteilten.

Zuvor hatten die Behörden bekanntgegeben, dass gegen einen weiteren mutmaßlichen Beteiligten ermittelt werde. Er werde verdächtigt, ein zweites, an dem Unfall beteiligtes Fahrzeug gesteuert zu haben und vor dem Unfall an dem illegalen Autorennen beteiligt gewesen zu sein. "Die Verifizierung des Tatverdachts ist derzeit eine der zahlreichen Aufgaben der Ermittlungsgruppe", hieß es dazu.

Unfallverursacher könnte Haftstrafe drohen

In der neuen Mitteilung unterstrichen die Ermittler, dass die Identifizierung der zweiten tatverdächtigen Person das Ergebnis der polizeilichen Ermittlungen sei. "Es ist nicht zutreffend, dass sich 'ein zweiter Fahrer' freiwillig bei der Polizei gemeldet habe, wie dies teilweise gemutmaßt wird."

Bei dem Zusammenstoß am Donnerstagabend (20. März 2025) kamen zwei unbeteiligte Frauen ums Leben. Der mutmaßliche Unfallverursacher verletzte sich leicht und wurde festgenommen. Gegen den 32-jährigen Türken wurde Haftbefehl wegen eines verbotenen Kraftfahrzeugrennens mit Todesfolge in zwei Fällen erlassen. Das Strafgesetzbuch sieht für Autorennen, bei denen Menschen ums Leben gekommen sind, eine Haftstrafe zwischen einem und zehn Jahren vor.

Die Ermittlungsgruppe "Urban" geht nach aktuellem Stand davon aus, dass eines der Fahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit in den Wagen einer 23-Jährigen gefahren ist, die gerade von einer Tankstelle auf die Straße fuhr. Ihr Auto wurde gegen Bäume geschleudert. Die Frau und ihre 22 Jahre alte Beifahrerin starben noch an der Unfallstelle. Den zweiten mutmaßlich beteiligten Wagen hatten Ermittler in der Nähe des Unfallortes entdeckt.

Untersuchungshaft ist eher die Ausnahme

In Deutschland kann auch gegen Verdächtige strafrechtlich ermittelt werden, ohne dass sie in Untersuchungshaft kommen - das ist sogar der Normalfall. Denn für eine Untersuchungshaft reicht ein Anfangsverdacht nicht aus, es muss zudem einen sogenannten Haftgrund, wie zum Beispiel Fluchtgefahr, geben. Untersuchungshaft könnte es auch geben, wenn die Gefahr besteht, dass sonst Beweise manipuliert oder Zeugen beeinflusst werden, oder wenn die vorgeworfene Tat weniger schwerwiegend ist.

Update vom 21.03.2025, 18.29 Uhr: Großes Entsetzen nach mutmaßlichem Rennen 

Über der Unfallstelle, an der zwei junge Frauen ihr Leben verloren haben, liegt noch der stechende Geruch von Benzin. Ansonsten erinnert am Morgen danach nur noch wenig daran, was hier an einer Straße in einem Gewerbegebiet in Ludwigsburg nahe Stuttgart am Donnerstagabend (20. März 2025) geschehen ist.

Nach ersten Erkenntnissen der Polizei biegt das Auto, in dem die zwei jungen Frauen sitzen, gegen 20 Uhr von einer Tankstelle auf die Straße ein und gerät dort in ein mutmaßliches illegales Autorennen. Zwei Wagen fahren laut Polizei mit womöglich viel zu hoher Geschwindigkeit von der Innenstadt in Richtung Autobahnanschlussstelle Ludwigsburg-Süd. Ein Fahrer kollidiert mit seinem schwarzen Oberklasse-Mercedes mit dem Fahrzeug der beiden jungen Frauen.

Durch den Zusammenstoß wird ihr Fahrzeug laut Polizei von der Fahrbahn geschleudert und zwischen zwei Bäumen eingeklemmt. Auf Bildern von der Unfallstelle ist ein auf der Seite liegendes Auto zu sehen. Der Wagen ist vor allem auf der Fahrerseite komplett zerstört, das Dach haben offenbar Rettungskräfte abgetrennt. Die 23 Jahre alte Fahrerin und ihre 22-jährige Beifahrerin werden in dem Wrack eingeklemmt und müssen von Einsatzkräften befreit werden. Sie sind so schwer verletzt, dass sie beide noch an der Unfallstelle sterben.

Ein Fahrer wird festgenommen - der andere flieht

Der Fahrer des Unfallwagens, ein 32-jähriger Türke, wird leicht verletzt und kommt zur Überwachung in ein Krankenhaus. Er wird auf Anordnung der Staatsanwaltschaft vorläufig festgenommen, seinen Führerschein beschlagnahmen die Beamten. Ein Haftrichter beim Amtsgericht Stuttgart erlässt später Haftbefehl gegen ihn, ihm wird die Teilnahme an einem verbotenen Kraftfahrzeugrennen mit Todesfolge in zwei Fällen vorgeworfen. Der 32-Jährige kommt in Untersuchungshaft.

Der Fahrer oder die Fahrerin des zweiten Autos ist auch am Tag danach noch immer unbekannt und auf der Flucht. Das Auto, einen schwarzen Mercedes, entdecken die Ermittler in der Nähe des Unfallortes. "Insassen waren nicht vor Ort", heißt es in einer Mitteilung.

An der Unfallstelle legen Menschen am Tag nach der Katastrophe Blumen und Karten ab, auch eine Kerze ist zu sehen. Angehörige sind ebenfalls vor Ort, sie weinen. Ludwigsburgs Oberbürgermeister Matthias Knecht (parteilos) legt am Unfallort ebenfalls Blumen nieder und zeigt sich fassungslos. "Diese Tat ist furchtbar. Wir sind alle bestürzt. Wie können Menschen so gewissenlos sein?", wird er in einer Mitteilung der Stadt zitiert. "Wir sind tief erschüttert und wütend über diese fürchterliche Straftat, die den sinnlosen Tod zweier unbeteiligter Menschen verursacht hat."

Rennen kommen immer wieder vor

Beim Polizeipräsidium Ludwigsburg nahm eine Ermittlungsgruppe mit 15 Mitarbeitenden von Verkehrs- und Kriminalpolizei die Arbeit auf. Die Beamten stoppten an der Unfallstelle außerdem einen Passanten, der mit seinem Handy Aufnahmen der beteiligten Fahrzeuge sowie der Verletzten machte.

Auch wenn illegale Autorennen seit 2017 als Straftat gelten, kommen sie immer wieder vor. Nach Angaben des Innenministeriums registrierte die Polizei im Südwesten etwa 2023 mehr als ein Rennen pro Tag - insgesamt 392. Fast die Hälfte der Fälle passierte demnach zwischen Freitagabend und Sonntagabend. Im ersten Halbjahr des vergangenen Jahres wurden 207 Rennen zur Anzeige gebracht - darunter können neben klassischen Autorennen mit mehreren Beteiligten auch sogenannte "Alleinrennen" und Fluchtfahrten vor der Polizei fallen, so ein Sprecher des Innenministeriums.

Die Zahl der Unfälle, bei denen illegale Rennen als Ursache vermutet werden, liegt bundesweit noch weitaus höher. Eine Umfrage des Magazins Spiegel in den Bundesländern kam für das Jahr 2023 auf 6.187 Verdachtsfälle. Allein in Nordrhein-Westfalen starben im vergangenen Jahr nach Angaben der Polizei 15 Menschen im Zusammenhang mit dem verbotenen Kräftemessen auf den Straßen. Als ein Hotspot für illegale Rennen zählt auch Berlin.

Diese Strafen drohen bei illegalen Autorennen

Bei Rennen und Raserfahrten kommen immer wieder Unbeteiligte zu Schaden. Besonders bekannt ist ein Fall aus dem Jahr 2016, wo sich auf dem Ku'Damm in Berlin zwei Männer ein Rennen geliefert hatten, bei dem ein unbeteiligter Senior starb. Ein Fahrer wurde danach wegen Mordes und der zweite Raser wegen versuchten Mordes verurteilt.

Auch im Südwesten gab es schon entsprechende Prozesse. Im vergangenen April wurde etwa ein damals 20 Jahre alter Mann vom Landgericht Heilbronn wegen Mordes zu einer Jugendstrafe von neun Jahren verurteilt. Er soll mitten in der Heilbronner Innenstadt einen tödlichen Unfall verursacht haben, bei dem ein 42 Jahre alter Vater ums Leben kam. 2019 musste sich ein damals 21-Jähriger in Stuttgart wegen Mordes vor dem Landgericht verantworten. Er hatte bei hoher Geschwindigkeit die Kontrolle über einen gemieteten Sportwagen verloren und war mit seinem Auto mit einem Kleinwagen kollidiert, in dessen Trümmern zwei Menschen starben. Verurteilt wurde er am Ende zu fünf Jahren Jugendstrafe wegen Totschlags.

Aber auch für die Teilnahme an Rennen drohen empfindliche Strafen. Seit Oktober 2017 gelten illegale Autorennen als Straftat. Seitdem kann schon die Teilnahme oder die Organisation eines Rennens mit bis zu zwei Jahren Haft geahndet werden. Werden auch Menschen gefährdet, reicht der Strafrahmen sogar bis zu fünf Jahren Haft. Kommt ein Mensch dabei ums Leben oder wird schwer verletzt, sieht das Gesetz eine Strafe von bis zu zehn Jahren Haft vor. Strafbar ist auch ein "Rennen gegen sich selbst".

Ursprungsmeldung vom 21.03.2025, 9.54 Uhr: Mutmaßliches illegales Autorennen endet tödlich

Tragischer Unfall in Baden-Württemberg: Bei einem mutmaßlichen Autorennen sind in Ludwigsburg zwei unbeteiligte Frauen ums Leben gekommen. Einer der beiden am Unfall beteiligten Fahrer wurde festgenommen, wie die Polizei in der Nacht mitteilte. Der Fahrer des anderen beteiligten Autos sei flüchtig. "Er wurde noch nicht festgenommen", sagte ein Sprecher der Polizei. 

Die beiden Fahrzeuge fuhren mit mutmaßlich überhöhter Geschwindigkeit auf einer Straße in Richtung der Autobahnanschlussstelle Ludwigsburg-Süd, wie die Polizei mitteilte. Als die beiden Frauen mit ihrem Wagen von einer Tankstelle fuhren, kam es demnach zum Zusammenprall mit einem der beiden Autos. 

Durch die Kollision sei ihr Auto von der Fahrbahn geschleudert und zwischen zwei Bäumen eingeklemmt worden. Auf Bildern von der Unfallstelle ist ein auf der Seite liegendes Auto zu sehen. Der Wagen ist stark verformt - das Dach abgetrennt.

Zwei unbeteiligte Frauen sterben an Unfallstelle nach mutmaßlichem Autorennen

Die beiden jungen Insassinnen starben laut Polizei an der Unfallstelle. Zum genauen Alter der Opfer gab es zunächst keine Angaben.

Auf Anordnung der Staatsanwaltschaft sei der Fahrer des Fahrzeugs, das mit dem Fahrzeug der beiden jungen Frauen kollidiert ist, vorläufig festgenommen worden, teilte die Polizei weiter mit. Sein Führerschein sei beschlagnahmt worden.

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