Reiche plädierte für die temporäre Anhebung der Pendlerpauschale. Ein Mechanismus für Direktauszahlungen solle genutzt werden, um Pendler mit langen Strecken von Kosten für Sprit zu entlasten. Für die Güter- und Logistikbranche solle die Dieselsteuer gesenkt werden. Die Entlastungen sollten mit Mehrwertsteuereinnahmen finanziert werden, die wegen der hohen Preise gestiegen seien. Institute rechneten mit Mehreinnahmen von 100 bis 200 Millionen Euro pro Monat - das Finanzministerium geht dagegen nicht von einem Plus aus, weil die Verbraucher bei höheren Preisen auch weniger konsumieren.
Einer Übergewinnsteuer erteilte Reiche eine klare Absage: Diese sei verfassungsrechtlich fragwürdig und schwäche Raffinerien.
Die SPD warf der Wirtschaftsministerin wegen ihrer scharfen Kritik vor, das Miteinander der Koalition infrage zu stellen. «Man hat den Eindruck, die Ministerin Reiche ist leider bis heute nicht im Amt angekommen», sagte SPD-Parlamentsgeschäftsführer Dirk Wiese der «Rheinischen Post». In dieser Woche sei Reiche nur dadurch aufgefallen, «dass sie die Bürgerinnen und Bürger an der Tankstelle nicht entlasten will. Das ist mit uns als SPD aber nicht zu machen.»
Wie sich Merz positioniert
Bundeskanzler Friedrich Merz sei «befremdet über den öffentlichen Schlagabtausch und mahnt Ministerin Reiche zur Zurückhaltung», hieß es aus seinem Umfeld. Am Donnerstag hatte der CDU-Chef selbst die Hoffnung auf schnelle Entlastungen gedämpft. Man solle nicht mit kurzfristigen Entscheidungen rechnen, hatte Merz gesagt. Sollten die Preise entgegen der aktuellen Entspannungssignale weiter und dauerhaft deutlich steigen, werde die Regierung aber handeln.
Der Kanzler hatte Klingbeil und Reiche aufgerufen, gemeinsam Vorschläge vorzulegen. Dabei müsse der Grundsatz gelten, dass der Bund Bürger und Unternehmen nicht vor jeder Verwerfung schützen könne. Die Vorschläge einvernehmlich zu erarbeiten sei klar verabredet gewesen, hieß es nach Reiches Attacke.
Auch in der Kanzler-Partei wünschen sich manche allerdings mehr Tempo. Der Vorsitzende des CDU-Arbeitnehmerflügels (CDA), Dennis Radtke, verlangte im «Tagesspiegel» ein schnelles Entlastungssignal des Koalitionsausschusses. Natürlich könne keine Regierung eine Vollkompensation für geopolitische Ereignissen liefern, sagte er. Aber es dürfe nicht der Eindruck entstehen, die Menschen würden mit ihren Ängsten und Sorgen allein gelassen.
Wie sich die Spritpreise entwickeln
Der ADAC beobachtet seit der Einigung zwischen den USA und dem Iran auf eine Waffenruhe und eine Öffnung der Straße von Hormus sinkende Preise. Bereits am Mittwoch und Donnerstag gaben die Spritpreise merklich nach, am Freitag setzte sich die Talfahrt nach Einschätzung des ADAC fort. Im bundesweiten Tagesdurchschnitt des Donnerstags kostete ein Liter Diesel 2,346 Euro und damit 10,1 Cent weniger als am Dienstag, ein Liter Super E10 kostete 2,112 Euro - 7,6 Cent weniger als am Dienstag.