Angesprochen auf die Zukunft von Bundeskanzler und CDU-Chef Friedrich Merz sagte der Landesvorsitzende zwar, jetzt sei keine Zeit für Personaldiskussionen. Die CDU müsse sich auf die kommenden Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin nächste Woche konzentrieren. Danach aber müsse die Union besprechen, wie es weitergehe.
Noch größere Verluste muss jedoch der Koalitionspartner der Union im Bund, die SPD, hinnehmen – und das im Heimatland von Vizekanzler Lars Klingbeil und Verteidigungsminister Boris Pistorius.
Niedersachsens Ministerpräsident und SPD-Landeschef Lies sagte verklausuliert: «Auch Niedersachsen entzieht sich den Einflüssen der letzten Wochen auf bundespolitischer Ebene nicht gänzlich.» Das Vertrauen in die etablierten Parteien sei angespannt, und die Wähler gingen «nicht zu anderen demokratischen Kräften, sondern an die Ränder».
Die AfD ist kein Phänomen des Ostens
Wer den haushohen AfD-Erfolg bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt als typisch ostdeutsch deuten wollte, der sieht in Niedersachsen: Die AfD ist auch in Westdeutschland im Aufwind, selbst in der Kommunalpolitik. Im Vergleich zu 2021 hat sie ihr Ergebnis auf Kreisebene mehr als verdreifacht.
Im Stadtrat von Salzgitter wurde die AfD mit knappem Vorsprung stärkste Kraft. Mit 27,39 Prozent landete die Partei dort vor der SPD (25,85 Prozent) und der CDU (23,23 Prozent). Im Kampf um das Oberbürgermeisteramt der Stadt geht zudem die AfD-Kandidatin Patricia Mair in die Stichwahl gegen Amtsinhaber Frank Klingebiel (CDU).
AfD-Landeschef Ansgar Schledde jubilierte: «Die AfD ist seit heute Kommunalpartei und wir werden mit diesem gewaltigen Rückhalt und den neu geschlagenen Wurzeln gestärkt in die Landtagswahl gehen.» In gut einem Jahr, am 26. September 2027, wird Niedersachsens Landtag neu gewählt.
Schledde erinnerte auch daran, dass vier AfD-Kandidaten nicht zu den Kommunalwahlen zugelassen worden waren, wegen Zweifeln an ihrer Verfassungstreue. Der Landeschef sagte, das habe «das Bewusstsein geschärft, dass auch auf der kleinsten Ebene unseres Staates eine klare demokratische Alternative als Korrektiv benötigt» werde.
Die AfD Niedersachsen wird vom Verfassungsschutz des Landes als rechtsextremistisches Beobachtungsobjekt eingestuft. Die vier Ausschlüsse von AfD-Kandidaten beschlossen die Wahlausschüsse der jeweiligen Kommunen. Die AfD wehrt sich juristisch sowohl gegen die Einstufung beim Verfassungsschutz als auch gegen die Wahlausschlüsse.
Rot-Grün schwächelt – Die Linke legt zu
Koalitionen aus SPD und Grünen sind selten geworden, in Niedersachsen gibt es sie in der Landesregierung noch. Aber: Zusammengenommen haben beide Parteien laut vorläufigem Ergebnis nun auf Kreisebene gut sieben Prozentpunkte verloren.
Zwar gibt es Lichtblicke sowohl für die SPD – etwa mit der in Runde eins führenden Eva Bender als Regionspräsidentin für Hannover – als auch für die Grünen – insbesondere mit dem erneut deutlich führenden amtierenden Oberbürgermeister von Hannover, Belit Onay. Der landesweite Trend dürfte den Regierungsparteien aber zu denken geben. Ministerpräsident Lies sprach von einem «schwierigen Ergebnis».
Zumal es neben der AfD noch einen weiteren Wahlgewinner gibt: die Linke. Seit 2024 hat die Partei ihre Mitgliederzahl in Niedersachsen zuletzt verdreifacht. Jetzt konnte sie ihr Ergebnis bei den Kreiswahlen in etwa verdoppeln. Ist der Zuspruch bei der Landtagswahl 2027 ähnlich groß, könnte die Linke erstmals seit 2013 wieder in das Landesparlament einziehen.