"In erster Linie Freude machen" - Erstes lesbisches Event auf dem Oktoberfest in München

3 Min
"Wo sind eigentlich lesbische Frauen?" Veranstalterin Sina Scherer (rechts) und Bräurosl-Wirtin Franziska Reichert machen sie mit einem Event auf dem Oktoberfest sichtbar.
Franziska Reichert und Sina Scherer
Lucas Caspari/dpa

Nach Jahren des männlich dominierten Gay Sunday auf dem Oktoberfest in München veranstaltet Sina Scherer nun das erste explizit lesbische Event in der Bräurosl. Hier erklärt sie, warum.

Auf dem Münchner Oktoberfest soll es in diesem Jahr ein eigenes Event für lesbische Frauen und "Flinta"-Personen insgesamt geben. "Flinta" steht dabei für Frauen, Lesben, Inter, Nonbinär, Trans und Agender. Das Motto am 21. September im Festzelt Bräurosl: "Bier, Boobs, Brezn Monday".

Im Interview der Deutschen Presse-Agentur erzählt die Veranstalterin Sina Scherer, die regelmäßig sogenannte "Lost-Girls-Events" für lesbische Frauen auf die Beine stellt, warum es aus ihrer Sicht ein solches Fest auch auf der Wiesn dringend braucht. 

Der Gay Sunday hat lange Tradition in der Bräurosl - warum kommt jetzt die neue Veranstaltung am Montag dazu?

Sina Scherer: Gerade weil der Gay Sunday eine so großartige und lange Tradition hat, sieht man, was solche festen Treffpunkte bewirken können: Sie schaffen Sichtbarkeit, Gemeinschaft und irgendwann auch Selbstverständlichkeit. Was uns bislang gefehlt hat, ist ein vergleichbar sichtbarer Ort für lesbische Frauen und "Flinta"-Personen. Viele queere Wiesn-Formate sind historisch stark von schwulen Männern geprägt. Das ist überhaupt keine Kritik an diesen Veranstaltungen - im Gegenteil, sie sind für uns ein Vorbild dafür, was Community auf der Wiesn sein kann. Wir wollen diese Tradition deshalb nicht ersetzen, sondern um eine weitere Perspektive ergänzen. Wir haben uns gefragt: Wo sind eigentlich die lesbischen Frauen?

In München gab es früher viel mehr Orte, an denen lesbische Frauen sichtbar waren und sich selbstverständlich getroffen haben - gerade auch im Glockenbachviertel. Viele davon sind verschwunden. Auf der Wiesn haben wir ein ähnliches Phänomen beobachtet. Es gibt seit Jahrzehnten etablierte queere Termine, aber lesbische Frauen spielen dabei als eigene Community bislang kaum eine sichtbare Rolle. Da haben wir irgendwann gesagt: Dann warten wir nicht darauf, dass jemand einen Raum für uns schafft. Dann schaffen wir ihn selbst.

Bayerisches Leben und queere Tradition nicht als Gegensatz

Ist ein Wiesn-Zelt voller Frauen bzw. weiblich gelesener Menschen womöglich entspannter? Oder tut man den männlichen Wiesn-Besuchern da Unrecht?

Scherer: Ich würde Männer nicht pauschal zum Problem und Frauen nicht automatisch zu den besseren Menschen erklären. So einfach ist die Welt zum Glück oder leider nicht. Aber Räume verändern sich, wenn sich ihre Zusammensetzung verändert. Viele Frauen kennen Situationen im Nachtleben oder auf großen Festen, in denen man ständig ein bisschen mitdenkt: Wie komme ich nach Hause? Ist die Person gerade nur freundlich oder überschreitet sie gleich eine Grenze? Muss ich auf meine Freundin aufpassen?

Wenn man in einer Community zusammenkommt, in der ein respektvoller Umgang miteinander ganz bewusst Teil des Konzepts ist, kann daraus eine andere Atmosphäre entstehen. Vielleicht ein bisschen weniger Balzverhalten, ein bisschen weniger Rollenklischee und ein bisschen mehr dieses Gefühl: Ich kann hier einfach sein. Und natürlich sind Männer nicht grundsätzlich unerwünscht in unserem Leben. Aber es darf eben auch Räume geben, in denen sie einmal nicht automatisch im Mittelpunkt stehen.

Warum ist die Wiesn ein guter Ort für die queere Community? Ist sie das überhaupt?

Scherer: Vielleicht ist die Wiesn gerade deshalb ein guter Ort, weil sie kein klassischer Queer Space ist. Die Wiesn gehört zur Münchner Stadtgesellschaft. Hier sitzen unterschiedlichste Generationen, Nationalitäten, Milieus und Lebensentwürfe nebeneinander auf der Bierbank. Und genau dort sollte queeres Leben selbstverständlich sichtbar sein - nicht nur im queeren Club oder beim CSD.

Natürlich ist ein riesiges Volksfest nicht automatisch für jeden Menschen ein Safe Space. Aber queere Wiesn-Traditionen zeigen seit Jahrzehnten, dass man sich solche Räume innerhalb dieser Tradition schaffen kann. Für mich hat das auch etwas sehr Schönes: Wir sagen nicht, bayerische Tradition und queeres Leben seien Gegensätze. Wir sind Teil dieser Stadt, Teil Bayerns und selbstverständlich auch Teil der Wiesn.

Den Feinden queeren Lebens nicht das Feld überlassen

Nicht erst seit dem Anschlag auf den Berliner CSD gelten queere Veranstaltungen inzwischen zunehmend als gefährdet. Gibt es spezielle Sicherheitsvorkehrungen?

Scherer: Wir nehmen das Thema sehr ernst. Es wäre naiv zu sagen, dass queere Veranstalter*innen sich darüber heute keine Gedanken machen müssen. Die Veranstaltungen finden aber nicht irgendwo improvisiert statt, sondern in etablierten Locations beziehungsweise auf der Wiesn mit bestehenden Sicherheitsstrukturen. Konkrete operative Sicherheitsmaßnahmen würde ich schon aus Prinzip nicht öffentlich diskutieren.

Gleichzeitig möchte ich aufpassen, dass Angst nicht die Hauptgeschichte über queere Veranstaltungen wird. Wenn die Konsequenz aus Anfeindungen wäre, dass queere Menschen wieder weniger sichtbar werden, hätten am Ende genau die Falschen gewonnen. Deshalb gilt für uns beides gleichzeitig: aufmerksam und verantwortungsvoll sein - und trotzdem feiern.

Viele queere Menschen beobachten den Rechtsruck in der Gesellschaft mit Sorge. Wie wichtig sind Events wie Ihres in der Bräurosl gerade in diesen Zeiten?

Scherer: Ich glaube, Sichtbarkeit wird gerade dann wichtig, wenn sie unbequemer wird. Fortschritt verläuft leider nicht einfach immer nur in eine Richtung. Viele queere Menschen erleben momentan, dass Dinge, die man schon für gesellschaftlichen Konsens gehalten hat, plötzlich wieder diskutiert oder infrage gestellt werden. Und dann merkt man: Rechte und gesellschaftliche Akzeptanz sind nichts, was man einmal erreicht und anschließend für immer abhaken kann. Dabei muss nicht jede Party eine politische Kundgebung sein.

Unsere Veranstaltung soll in erster Linie Freude machen. Menschen sollen flirten, Freundinnen treffen, tanzen und eine Maß trinken können. Aber genau darin steckt für mich auch etwas Politisches: Wir sind da. Wir verstecken uns nicht. Und wir gehören genauso zu dieser Gesellschaft wie alle anderen. Gerade deshalb finde ich es wichtig, queere Sichtbarkeit nicht nur an den Orten zu zeigen, an denen ohnehin alle einer Meinung sind. Ein lesbischer und FLINTA-Treff mitten auf der Wiesn sagt vielleicht mehr als die hundertste Podiumsdiskussion über Diversity.