Von Ebersbach ins Heilige Land

3 Min
Familiengeschichte zum Anfassen: Silke Böhm bewahrt zahlreiche alte Fotografien ihrer Vorfahren auf. Im Foto links oben Johann und Anna Wagner. 1904 pilgerte Johann ins Heilige Land. Eberhard Schorr
Familiengeschichte zum Anfassen: Silke Böhm bewahrt zahlreiche alte Fotografien ihrer Vorfahren auf. Im Foto links oben Johann und Anna Wagner. 1904 pilgerte Johann ins Heilige Land. Eberhard Schorr
Eine der vielen Fotografien aus dem Buch über die Pilgerreise: Die Teilnehmer der ersten bayerischen Volkswallfahrt 1904 vor der Grabeskirche in Jerusalem. Unter den 538 Pilgern befand sich auch der Ebersbacher Bauer Johann Wagner. Quelle: Johann ...
Eine der vielen Fotografien aus dem Buch über die Pilgerreise: Die Teilnehmer der ersten bayerischen Volkswallfahrt 1904 vor der Grabeskirche in Jerusalem ...
Eine der vielen Fotografien aus dem Buch über die Pilgerreise: Die Teilnehmer der ersten bayerischen Volkswallfahrt 1904 vor der Grabeskirche in Jerusalem. Unter den 538 Pilgern befand sich auch der Ebersbacher Bauer Johann Wagner. Quelle: Johann ...
 
Die kleine Sandsteinkapelle in Ebersbach wurde 1870 errichtet. Eberhard Schorr
Die kleine Sandsteinkapelle in Ebersbach wurde 1870 errichtet. Eberhard Schorr
 

Ahnenforschung: Silke Böhm sucht nach Spuren von Johann Wagner und kommt viel weiter zurück

Wer von Neunkirchen am Brand nach Ebersbach kommt, sieht kurz hinter dem Ortseingang eine kleine Sandsteinkapelle im neugotischen Stil. Nur wenige Meter weiter steht ein stattliches Wohnhaus mit Erker und einem für Franken ungewöhnlichen Krüppelwalmdach. Mittig am Giebel zur Straße hängt ein großes Kreuz. Das ungewöhnlich große Wohnhaus und die kostspielige Sandsteinkapelle zeugen vom Wohlstand der Familie Wagner.

Zugleich zeigen Kapelle und Kreuz, wie tief der katholische Glaube in der Familie verwurzelt ist. Für Silke Böhm, geborene Hemmer, gehören beide Gebäude seit ihrer Kindheit zur Familiengeschichte . Ihre Großmutter Barbara Wagner stammte von diesem Hof.

Vom Aufruf gehärt

Als Böhm den Aufruf zur Reihe „Abenteuer Ahnenforschung “ las, meldete sie sich bei der Redaktion. Sie hatte selbst schon versucht, ihre Vorfahren zu erforschen und sogar einen Volkshochschulkurs besucht. Doch für die mühsame Arbeit mit alten Schriften fehlte ihr schließlich die Zeit. Besonders über die Familie ihres Vaters Siegfried Hemmer wusste sie wenig.

Ahnenforscher Christian Zametzer konnte diese Linie nun deutlich weiter zurückverfolgen. Über Kriegsranglisten fand er die Eltern von Silke Böhms Großvater Adam Hemmer, geboren 1900. Von dort führten ihn Kirchenbücher weiter. Die Hemmer-Linie reicht nach Zametzers Recherche bis ins 17. Jahrhundert.

Besonders spannend wurde die Suche auf der Seite ihrer Mutter Zita Hemmer. Im Mittelpunkt stehen Silke Böhms Ururgroßeltern Johann Wagner (1858-1930) und Anna Wagner (1867-1931), geborene Leuthäuser aus Hetzles. Sie heirateten am 4. Juli 1894. Knapp ein Jahr später, am 16. Juni 1895, kam Sohn Georg zur Welt.

Johann Wagner war Bauer, offenbar ein wohlhabender. 1913 ließ er das Wohnhaus neben der Kapelle neu errichten und bezahlte den Bau nach der Familienüberlieferung bar. Krüppelwalmdach und Erker fallen bis heute auf und waren für Franken damals ungewöhnlich.

Wagner bewirtschaftete Felder und Streuobstwiesen, hielt Vieh und verkaufte Erzeugnisse auf dem Nürnberger Markt. Vom Frühjahr bis in den Herbst soll er fast täglich mit dem Pferdegespann die rund 22 Kilometer nach Nürnberg gefahren sein, mit Kartoffeln, Gemüse, Obst und Beeren auf dem Wagen. Ein Fuhrwerk konnte dafür fünf bis sechs Stunden brauchen.

Auf dem Heimweg, so erzählt es die Familie bis heute, legte sich Wagner auf den Wagen und schlief, während die Pferde den Weg nach Ebersbach alleine fanden. Dabei verlor er offenbar öfters seinen Hut, so dass er einen neuen kaufen musste, eine Geschichte, die bis heute zur Familienerzählung gehört.

Die Kapelle macht die tiefe Frömmigkeit der Familie besonders sichtbar. Sie wurde 1870 errichtet, vermutlich von Johanns Eltern Matthäus Wagner und Anna Margaretha Kraus. Nach der Überlieferung geschah dies im Namen des damals etwa zwölfjährigen Johann. Warum, ist nicht überliefert. War er schwer erkrankt und seine Eltern schworen, eine Kapelle zu errichten, wenn er wieder gesund würde? Solche Gelübde waren damals nicht ungewöhnlich. Was die Familie tatsächlich dazu bewegte, wissen wir nicht.

Ein Kinderwunsch

Diese Frömmigkeit führt zu einer weiteren Geschichte, die in der Familie erzählt wird. Johann und Anna Wagner seien gemeinsam ins Heilige Land gepilgert, weil sie sich ein Kind wünschten. Doch hier beginnt der Teil der Ahnenforschung , in dem Erinnerungen und Quellen auseinandergehen.

Im Familienbesitz befindet sich das 1905 erschienene Gedenkbuch „Ins Heilige Land vom Isarstrand“. Es dokumentiert die erste bayerische Volkswallfahrt nach Jerusalem im Sommer 1904. 538 Pilger nahmen teil, darunter 65 Bauern, aber auch Tagelöhner, Dienstmädchen, Haushälterinnen und Handwerker. Je nach Klasse kostete die Reise 250 bis 400 Mark. Eine erhebliche Summe: Angestellte verdienten damals je nach Berufsgruppe etwa 78 bis 175 Mark im Monat.

Das Buch zeigt allerdings, dass diese Familienerzählung so nicht stimmen kann. Unter den Teilnehmern findet sich mit der Nummer 480 Johann Wagner aus Ebersbach, Anna dagegen nicht. Zudem war ihr Sohn Georg 1904 bereits neun Jahre alt. Warum Johann Wagner tatsächlich ins Heilige Land aufbrach, bleibt offen. Möglich ist, dass der Wunsch nach weiteren Kindern eine Rolle spielte, belegen lässt sich dies jedoch nicht.

Man kann sich vorstellen, welchen Eindruck diese Reise auf einen Bauern aus einem kleinen fränkischen Dorf gemacht haben muss. Das erste Mal Triest: der Hafen eines großen Reiches. Das erste Mal das Mittelmeer – tagelang nichts als Wasser und Horizont. Schließlich Jaffa, die biblische Stadt. Und dann Jerusalem. Orte, die Johann Wagner bis dahin aus der Bibel kannte, aus Predigten und aus Bildern – plötzlich real. Greifbar. Heilig. Die Grabeskirche. Der Ölberg. Der Jordan.

Gerade darin liegt für Silke Böhm ein besonderer Reiz der Ahnenforschung . Zametzer hat neue Vorfahren gefunden, Verbindungen geschlossen und Familiengeschichten überprüft. Dabei zeigt sich, wie Erinnerung funktioniert: Sie kann einen wahren Kern bewahren, während sich Einzelheiten mit jeder Generation verändern.

Was Johann Wagner tatsächlich bewegte, nach Jerusalem zu reisen, welche Geschichten er von dort mitbrachte und was später hinzukam, lässt sich nach mehr als 120 Jahren kaum noch auseinanderhalten. Geblieben ist die Erinnerung an einen fränkischen Bauern, der anno 1904 ins Heilige Land reiste.