Sebastian Hoffmann hält das Selbstporträt seines Urgroßonkels August Nützel. Der vielseitige Neunkirchener ist darauf mit seiner Geige zu sehen.Eberhard Schorr
Christian Zametzer (links) und Sebastian Hoffmann sichten die erhaltenen Chroniken und Aufzeichnungen von August Nützel.
Ahnenforschung: Sebastian Hoffmann aus Neunkirchen am Brand erfährt Neues über seinen Urgroßonkel
Mehr als ein Dutzend Bücher hat Sebastian Hoffmann auf dem Tisch ausgebreitet. Wir treffen uns mitten in Neunkirchen am Brand, auf seinem Grundstück, dessen Garten bis an den Brandbach reicht, unweit des Äußeren Markts. Ein großer Teil der Bücher enthält Aufzeichnungen von August Nützel, Hoffmanns Urgroßonkel.
In feinsäuberlicher Handschrift notierte der Chronist, was sich in Neunkirchen zugetragen hatte, teils ergänzte er seine Texte mit Zeichnungen. Daneben liegt ein Selbstporträt. Es zeigt August Nützel im 47. Lebensjahr, eine Geige in der Hand. Musiker, Maler, Fotograf und Chronist: Der bekannte Neunkirchener war für Hoffmann nie nur ein Name im Stammbaum.
Seine Mutter erzählte ihm schon früh von dem vielseitigen Verwandten; Werke und Bilder waren in der Familie vorhanden. Nützel sei ein Freigeist gewesen, sagt Hoffmann, wohl ein Mensch der seiner Zeit voraus war und dadurch aneckte.
Schreinerei im Haus
Auch die Geschichte seines Großvaters und Urgroßvaters ist für Hoffmann mit einem konkreten Ort verbunden: der Schreinerei im Haus. Als kleiner Junge war es sein Lieblingsort. In den 1980er und 1990er Jahren lief gerade die beliebte Serie „Meister Eder und sein Pumuckl “. Für den Jungen verbanden sich die Werkstatt, der Geruch von Holz und die Welt des Schreinerhandwerks mit diesen Fernseherinnerungen.
Die Großeltern starben, bis Hoffmann sechs Jahre alt war. Umso wichtiger wurden die Erzählungen seiner Mutter Monika und die etlichen erhaltenen Zeugnisse. Als der Fränkische Tag über die Reihe „Abenteuer Ahnenforschung “ berichtete, meldete sich der 43-Jährige bei der Redaktion.
Chroniken und Bilder
Er wollte mehr über den Urgroßonkel erfahren, dessen Chroniken und Bilder er bewahrt, aber auch über die Menschen davor. „Vergangenheit ist Vergangenheit. Aber aus der Vergangenheit heraus entsteht eben die Gegenwart und die Zukunft“, sagt er.
Der Ahnenforscher Christian Zametzer konnte nun eine bislang unbekannte, bedrückende Seite aus August Nützels Leben dokumentieren. Der 1890 in Neunkirchen geborene Musiker wurde kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs zum 19. bayerischen Infanterie-Regiment eingezogen. An der Front diente er als Krankenträger. Er musste schwer verletzte oder tote Kameraden, junge Männer wie er selbst, vom Schlachtfeld bergen.
Militärunterlagen
Nach nur drei Monaten brach Nützel laut Militärunterlagen zusammen. Die damalige Diagnose lautete „Nervenschwäche“. Später folgten weitere Lazarettaufenthalte. 1917 wurde er wegen einer „psychogenen Erkrankung“ mehr als acht Monate im Erlanger Kollegienhaus behandelt und schließlich als „dienstunbrauchbar“ entlassen. Versorgungsansprüche erhielt er nach Zametzers Recherche nicht.
Solche Erkrankungen wurden im Ersten Weltkrieg mit Begriffen wie „Kriegszitterer“, „Kriegsneurose“ oder „Nervenschock“ beschrieben. Der industrialisierte Krieg mit Artilleriefeuer, Schützengräben und dem Anblick verstümmelter Kameraden führte bei vielen Soldaten zu schweren seelischen Leiden. Die damalige Militärpsychiatrie deutete diese jedoch oft als persönliche Schwäche und nicht als Folge des Kriegseinsatzes .
Bei diesem Thema wird Hoffmann, selbst acht Jahre Soldat auf Zeit, sehr ernst. Nun sei der Erste Weltkrieg nicht mehr nur eine ferne historische Kulisse. Er könne sich zumindest ansatzweise vorstellen, was ein Kriegseinsatz für einen Menschen bedeute. Wenn jemand damit kein Problem habe, „dann hat er ein anderes Problem“, sagt er.
Nützels Eltern
Auch über die Eltern von August Nützel fand Zametzer neue Details. Die frei zugänglichen Neunkirchener Geburtseinträge reichen nur bis 1879, Nützel wurde aber 1890 geboren. Deshalb suchte der Ahnenforscher zunächst in digitalisierten Kriegsranglisten nach ihm. Darüber konnte er dessen Eltern ermitteln und anschließend den Heiratseintrag finden.
Nützels Vater Johann, ein ehemaliger Gendarmerie-Stationskommandant, heiratete 1884 Apollonia Ottilia Rauh aus Neunkirchen. Nach ihrem plötzlichen Tod ehelichte er 1888 deren jüngere Schwester Anna Rauh. Solche Verbindungen seien damals nicht selten gewesen, erklärt Zametzer.
Gerade bei Bauern und Handwerkern war die Eheschließung häufig auch eine wirtschaftliche Entscheidung. Sie sollte Besitz, Betrieb und Versorgung sichern. Wen jemand heiratete, prägte damit oft die Zukunft der Familien.
Pläne mit den Chroniken
Für Hoffmann sind Zametzers Ergebnisse weit mehr als ergänzte Daten in einer Liste. Die Auseinandersetzung mit dem Leben August Nützels und seinen Aufzeichnungen hat beide so begeistert, dass sie nun prüfen wollen, wie sich die handgeschriebenen Chroniken herausgeben lassen.
Denn in den Büchern liegt nicht allein die Geschichte einer Familie. Sie bewahren auch Erinnerungen an Menschen, Ereignisse und das Leben in Neunkirchen am Brand – und damit ein Stück Ortsgeschichte.