Als langjähriger Verteidigungsminister von 1959 bis 2008 und bedeutendster verbliebener Vertreter der Guerillageneration verfügt Raúl Castro über großen Einfluss innerhalb des Militärs. Er prägte auch die heutige Wirtschaftsstruktur Kubas, in der das Militär über den Konzern Gaesa große Teile der Wirtschaft kontrolliert – darunter Tourismus, Bauwesen, Hafenlogistik und Finanzdienstleistungen.
Rubio ist vom Verlauf der Verhandlungen enttäuscht
Nach Einschätzung von Experten wollen die USA mit den Vorwürfen gegen Raúl Castro den Druck auf Kuba weiter erhöhen, um wirtschaftliche und politische Reformen im Sinne der US-Interessen zu forcieren. US-Außenminister Marco Rubio zeigte sich zuletzt wenig optimistisch hinsichtlich einer Einigung mit Havanna. «Die Wahrscheinlichkeit, dass das geschieht, ist angesichts der Menschen, mit denen wir es derzeit zu tun haben, nicht hoch», sagte er. Einer dieser Menschen, auf die er sich bezieht, dürfte Raúl Castro sein.
Im März sagte der kubanische Präsident Miguel Díaz-Canel, dass Castro an der Gestaltung des Verhandlungsprozesses mit Washington beteiligt sei. Ein Enkel Castros, der als sein engster Vertrauter gilt, soll Medienberichten zufolge Washingtons Hauptansprechpartner sein – oder gewesen sein. Ohne Castros Zustimmung dürfte sich derzeit auf dem Verhandlungstisch wenig bewegen.
Kuba-Experte: Die Fronten dürften sich verhärten
Die US-Enttäuschung über die Verhandlungen, die kaum vorankommen, und die Anklage fallen zeitlich zusammen. Einige Kuba-Experten halten einen US-Militäreinsatz wie im Januar in Venezuela zur Gefangennahme des inzwischen entmachteten Staatschefs Nicolás Maduro für unwahrscheinlich. Auch Rubio bevorzugt eine friedliche Lösung. «Das ist immer unsere Präferenz», sagte der US-Außenminister.
Die Anklage gegen Raúl Castro dürfte die Fronten allerdings weiter verhärten, wie der mexikanische Kuba-Experte Ricardo Pascoe im Podcast «Broojula» sagte. Nicht nur unter den Exilkubanern in Miami, sondern auch auf Kuba hat sich die Rhetorik verschärft.
Kuba hat heute zu einer Kundgebung vor der US-Botschaft in Havanna zur Unterstützung von Castro aufgerufen. Die «Helden des Vaterlandes» dürfe man nicht missachten, schrieb Präsident Díaz-Canel auf der Plattform X in Bezug auf Castro. Der erneute Angriff der USA habe die Kubaner noch enger zusammengebracht, und den antiimperialistischen Geist des Landes gestärkt, sagte er. «Der General ist Kuba, und Kuba verdient Respekt.»