Mehr Freizeit, bei gleichem Lohn? Belgien führt die Vier-Tage-Woche ein. Arbeitnehmer sollen ihre Arbeit künftig flexibel an vier statt fünf Tagen verrichten können. Die belgische Regierung einigte sich auf eine entsprechende Arbeitsmarktreform, wie Premierminister Alexander De Croo am Dienstag (15. Februar 2022) mitteilte. "Der erste Pfeiler ist, den Arbeitern mehr Flexibilität, mehr Freiheit zu geben", sagte De Croo. Die Entscheidung ist auch eine Reaktion auf die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt durch die Corona-Pandemie.

Ziel sei es, eine dynamischere und produktivere Wirtschaft zu schaffen. Außerdem soll die Reform der Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben zugutekommen, so De Croo. Doch es gibt einen Haken: Die Arbeitszeit an sich bleibt gleich. Vollzeit-Arbeitnehmer sollen am Tag lediglich länger arbeiten dürfen, damit alle erforderlichen Stunden in vier Tagen geleistet werden können. Es geht also eher darum, dass die Arbeitszeit eigenverantwortlich eingeteilt werden kann. Lohneinbußen gibt es für die Arbeitnehmer nicht.

Vier-Tage-Woche in Belgien eingeführt: Arbeitszeit bleibt gleich

Unternehmen können ihren Mitarbeitenden die Vier-Tage-Woche auch in Zukunft verweigern, dafür ist aber eine schriftliche Begründung nötig. Die flexibleren Arbeitszeiten sind Teil eines Pakets von Wirtschaftsreformen, die die belgische Regierung am Dienstag beschlossen hat.

Zu der Arbeitsmarktreform gehöre auch ein gesetzlich geregelter Zugang zu Weiterbildungen für Arbeitnehmer, sagte De Croo. Außerdem werde es mehr Flexibilität bei den Nachtdienst-Regeln geben, um vor allem den Online-Handel anzukurbeln. Es soll auch einen besseren Schutz für freie Angestellte von Internet-Plattformen wie Uber geben, etwa eine verpflichtende Arbeitsunfall-Versicherung. "Wir arbeiten an einer nachhaltigen, innovativen und digitalen Wirtschaft", sagte De Croo.

Die Nachrichtenagentur Belga schrieb, Ziel der Reformen sei eine Beschäftigtenquote von 80 Prozent bis 2030. Derzeit liegt sie demnach bei 71 Prozent mit großen regionalen Unterschieden. Zum Vergleich: In Deutschland lag die Quote der Erwerbstätigen laut Statistischem Bundesamt zuletzt bei 75,5 Prozent.

Island, Spanien, Schottland: Hier gibt es die Vier-Tage-Woche

Belgien ist nicht das erste Land in Europa, dass die Vier-Tage-Woche eingeführt hat. In Island liefen zwischen 2015 und 2019 zwei Feldversuche mit einer ähnlichen Regelung - dort wurde allerdings auch die Arbeitszeit verkürzt, von 40 Stunden auf 35 oder 36 Stunden. Die Ergebnisse waren positiv: Die Produktivität blieb gleich oder verbesserte sich sogar und die Arbeitnehmer fühlten sich weniger gestresst. Wie belastbar und vor allem, wie gut sich die Studienergebnisse auf andere Länder übertragen lassen, ist aber unklar.

Spanien hat sich ebenfalls dafür entschieden, die Vier-Tage-Woche zu testen. Zwischen 200 und 400 Unternehmen sollen an dem Pilotprojekt teilnehmen. Das Gehalt der Belegschaft soll dabei gleich bleiben und es sollen neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Für fünf Mitarbeitende, die einen Tag in der Woche weniger arbeiten, können die Firmen dann eine neue Vollzeitkraft einstellen, berichtet die Tagesschau über das Projekt. Die zusätzlichen Kosten will die Regierung übernehmen.

Bislang wurde das Projekt aber noch immer nicht gestartet, wie die spanische Zeitung El País schreibt. Einige Unternehmen haben die Sache inzwischen selbst in die Hand genommen und ihren Mitarbeitenden die Vier-Tage-Woche angeboten. Während die kürzere Arbeitszeit beim Telekommunikations-Riesen Telefonica und der Mode-Marke Desigual mit einer Gehaltskürzung einhergeht, haben sich die Software-Unternehmen Delsol und CIB Group auf das isländische Modell geeinigt. Auch Schottland versucht sich seit Anfang 2022 an der Vier-Tage-Woche. Die Regierung hat einen Fond von 10 Millionen Pfund für die teilnehmenden Unternehmen zu Verfügung gestellt.

mit dpa