Zum einen ist da der Druck des Präsidenten. Mehrfach hatte Trump seine Parteifreunde in den Bundesstaaten aufgefordert, die Linien zugunsten der Republikaner neu zu ziehen. Mit Texas und Florida folgten zwei Schwergewichte, auch in Oklahoma, Tennessee, Alabama, North Carolina und Ohio gab es neue Wahlkreise oder Pläne dafür.
Die Demokraten zogen etwa in Kalifornien und Virginia nach, stehen aktuell aber schlechter da. Ein herber Rückschlag für sie war eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs vom Freitag. Die Richter ließen ein Urteil in Kraft, das den Neuzuschnitt der Wahlkreise in Virginia zugunsten der Demokraten einkassiert hatte. Ganze vier zusätzliche Sitze hatten sich die Demokraten davon versprochen.
Urteil des Obersten Gerichts stößt eine Welle los
Bei den Zwischenwahlen am 3. November könnte jedes einzelne Abgeordnetenmandat entscheidend sein. Verlieren die Republikaner ihre aktuell sehr knappe Mehrheit auch nur in einer der beiden Parlamentskammern, wird Trump keine größeren Gesetzesinitiativen mehr durchsetzen können. Zudem müsste er sich möglicherweise auf ein Amtsenthebungsverfahren einstellen. Für die zweite Parlamentskammer, den Senat, spielt der Neuzuschnitt von Wahlkreisen allerdings keine Rolle, da Senatoren jeweils in einem ganzen Bundesstaat gewählt werden.
Der zweite Grund für die neue Dynamik ist ein Urteil des Obersten Gerichtshofs: Dessen konservative Mehrheit höhlte vor wenigen Wochen einen Teil eines Wahlrechtsgesetzes aus. Der sogenannte Voting Rights Act war eine der zentralen Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre. Er schützte von Schwarzen und anderen Minderheiten geprägte Bezirke vor Neuzuschnitten, damit ihre Vertreter auch wirklich im Parlament landeten. Diesen Schutz haben ihre Wahlkreise nun im Wesentlichen verloren.
In der Folge stießen vor allem südliche Bundesstaaten einen Neuzuschnitt an, um einst geschützte Bezirke nach Belieben umzuformen. In Louisiana wurden dafür eigens die parteiinternen Vorwahlen verschoben. Andere Bundesstaaten sollten es Louisiana gleich tun, forderte Trump sogleich. Selbst Vorwahlen zweifach durchzuführen, scheint für Trump kein Tabu zu sein. «Wenn sie zweimal wählen müssen, dann ist es eben so.»
Warum es «Gerrymandering» so nicht in Deutschland gibt
Das Thema sei in den USA so virulent, weil in den Bundesstaaten Parlamente und parteipolitisch gefärbte Gremien für Wahlen zuständig seien, erklärt Christian Lammert, Professor für nordamerikanische Politik an der Freien Universität Berlin, der dpa. «Anders als in vielen europäischen Demokratien existiert kein einheitliches, landesweites System unabhängiger Wahlkreiskommissionen.»
Lammert sagt, Republikaner und Demokraten befänden sich in einer Art parteipolitischem «Wettrüsten». Auch er sieht im «Gerrymandering» eine Gefahr für die Demokratie. «Gerrymanderte, "sichere" Wahlkreise verschieben den Wettbewerb von der eigentlichen Wahl zur parteiinternen Vorwahl, was extreme oder stark polarisierende Kandidaturen begünstigt und Kompromissfähigkeit im Kongress erschwert», sagt Lammert.
Ihren Namen hat die Praxis übrigens einem Neuzuschnitt des US-Bundesstaats Massachusetts im Jahr 1812 zu verdanken: Gouverneur Elbridge Gerry segnete damals für einen Bezirk nahe Boston einen besonders kreativen Neuzuschnitt ab, dessen Form viele an einen Salamander erinnerte.