Die größte Oppositionspartei CHP steht seit langem unter Druck. Nun entscheidet ein Gericht: Die Parteiführung wird abgesetzt. Die ruft zum Protest auf.
Ein Gericht in der türkischen Hauptstadt Ankara hat die Absetzung des Vorsitzenden der größten Oppositionspartei CHP angeordnet. Özgür Özel und die Parteiführung werden damit ihrer Ämter enthoben, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete. Zugleich wurde demnach angeordnet, dass der ehemalige Parteichef Kemal Kilicdaroglu und die damalige Parteispitze unter ihm die CHP vorläufig führen.
Das Gericht entschied Anadolu zufolge, dass der Parteitag 2023, auf dem Özel zum Vorsitzenden gewählt wurde, wegen «absoluter Nichtigkeit» rückwirkend für ungültig erklärt wurde. Damit seien auch alle folgenden ordentlichen und außerordentlichen Parteitage und deren Beschlüsse unwirksam. Es geht dabei um die Frage, ob Delegierte bestochen wurden, um für Özel zu stimmen.
CHP-Sondersitzung in Ankara
Gegen das Urteil kann noch Berufung eingelegt werden. Özel berief in Ankara eine außerordentliche Sitzung ein. CHP-Anhänger wurden der Zeitung «Cumhuriyet» zufolge per SMS dazu aufgerufen, sich vor der Parteizentrale in Ankara zu versammeln. Die Polizei habe Barrikaden errichtet.
Das Verfahren, das ein ehemaliges Parteimitglied angestrengt hatte, hielt die Partei seit langem in Atem. Es war im Oktober zunächst abgewiesen worden und wurde dann neu aufgerollt. Die CHP-Parteiführung um Özel wies die Vorwürfe zurück. Sie argumentiert zudem, dass eigentlich die Wahlbehörde und nicht ein Gericht darüber entscheiden müsste, ob Abstimmungen bei Parteitagen rechtmäßig waren.
«Dunkler Tag» in der Geschichte der Türkei
Die säkular ausgerichtete CHP steht seit mehr als einem Jahr unter Druck und sieht sich als Opfer einer politisch motivierten Kampagne der Regierung. Hunderte ihrer Mitglieder und zahlreiche ihrer Bürgermeister wurden festgenommen. Gleichzeitig schwelen parteiinterne Machtkämpfe zwischen dem Lager um Parteichef Özel und dessen Vorgänger Kilicdaroglu. Die Regierung weist Einflussnahme auf die Justiz zurück.
Der CHP-Vorsitzende der Provinz Istanbul, Özgür Celik, wertete auch diese Gerichtsentscheidung als politisch motiviert. «Sie wollen die Republik zerstören, die Demokratie außer Kraft setzen und dem Volk die Wahl entziehen», schrieb er auf X mit Blick auf die Regierung. Das türkische Volk werde das nicht zulassen. «Die Türkei wird sich dieser Tyrannei nicht beugen», schrieb er. Der abgesetzte Parteichef Özel zeigte sich kämpferisch: «Ich verspreche euch Ehre, Würde, Mut und Kampfgeist!», schrieb er auf X. Seinen Unterstützern verspreche er, dass er den Schmerz ertragen werde, sich aber nicht ergebe.
Der Politikwissenschaftler Berk Esen schrieb: «Es ist ein dunkler Tag in der Geschichte der Türkei». Auf dem Rechtsweg werde versucht, die größte Oppositionspartei CHP auf beispiellose Weise zu verändern.