Aus Sicht von Peters wäre es sinnvoll, zusätzlich 100 bis 150 nichtstrategische US-Atomwaffen in Europa zu stationieren - möglicherweise auch in Polen und Finnland. Dort müssten neue Lagerstätten gebaut werden. Dies sei aber nicht sonderlich schwierig und könne innerhalb weniger Monate geschehen.
«Uns fehlt es eindeutig an einer ausreichenden Zahl von Waffen», sagte Peters, der für die konservative, den Republikanern nahestehende Heritage Foundation arbeitet. Russland verfüge bei nichtstrategischen Atomwaffen wahrscheinlich über einen Vorsprung von mehr als zehn zu eins.
Warum Putin Kaffee trinken soll
Auch Jim Stokes, früherer US-Regierungsbeamter und ehemaliger Nato-Direktor für Nuklearpolitik, hält «neue Arten nuklearer Fähigkeiten» für sinnvoll. Dies bedeute jedoch nicht, dass die Nato bei der Zahl der Sprengköpfe zahlenmäßig gleichziehen müsse, betonte er. Neue Fähigkeiten könnten unter anderem signalisieren, dass die USA weiterhin fest zu ihrer erweiterten nuklearen Abschreckung und damit zur nuklearen Schutzgarantie für ihre Verbündeten stünden.
Stokes verwies dabei auf die größere Bandbreite nuklearer Systeme, die die Vereinigten Staaten während des Kalten Krieges zusätzlich zu den für Kampfflugzeuge vorgesehenen B61-Bomben in Europa stationiert hatten. So hatten die Bündnispartner 1979 beschlossen, die Nuklearsysteme zu modernisieren und neue Fähigkeiten zu stationieren. Dazu gehörten ballistische Mittelstreckenraketen vom Typ Pershing II und landgestützte Marschflugkörper vom Typ BGM-109G Gryphon.
Eine Verlagerung amerikanischer Atombomben näher an Russland hält der Verteidigungsexperte dagegen militärisch nicht für erforderlich. Entsprechende Einsätze könnten auch von Westeuropa aus durchgeführt werden. Sinnvoll könne aber eine breitere Beteiligung weiterer Verbündeter sein - etwa durch für Nukleareinsätze zertifizierte Kampfflugzeuge, Luftbetankung, Aufklärung, Begleitschutz, Übungen oder Führungsfähigkeiten. Dies könne Vorteile bringen, ohne dass die Länder selbst US-Atomwaffen lagern müssten.
«Wir wollen, dass Präsident Putin jeden Morgen aufwacht, eine Tasse Kaffee trinkt und sagt: "Heute ist nicht der Tag für einen Angriff"», sagte Stokes der dpa. Seit der Gründung der Nato vor 77 Jahren funktioniere dies. Kein Staat habe das Bündnis angegriffen.
Frankreichs Sprengköpfe als Ergänzung
Die vor allem von Frankreich vorangetriebenen Bemühungen um einen europäischen atomaren Schutzschirm werden sowohl von Rutte als auch von den Experten lediglich als Ergänzung und nicht als möglicher Ersatz gesehen. Rutte sagte der dpa, der US-Nuklearschirm bleibe die ultimative Garantie für die Freiheit und Sicherheit der Verbündeten. Die französische Initiative schaffe aber eine zusätzliche Ebene. Stokes bezeichnete die französischen Fähigkeiten als gute Ergänzung. Frankreich könne die amerikanischen Fähigkeiten bei Sprengköpfen, Trägersystemen und Plattformen jedoch nicht ersetzen, sagte er. Ähnliches gilt für die britischen Fähigkeiten.
Was geheim bleibt
Ob, und wenn ja, wie mögliche Entscheidungen zum Ausbau der Nato-Abschreckung kommuniziert würden, ist nach Angaben aus Bündniskreisen unklar. Eine Option wäre demnach, Russland im Ungewissen über konkrete Schritte zu lassen. Dies würde auch der bisherigen Praxis entsprechen. So bestätigen die Nato und die US-Regierung zwar, dass amerikanische Atomwaffen in Europa stationiert sind, ihre genaue Zahl und die vollständige Liste der Standorte bleiben allerdings unter Verschluss.