Moskaus Justiz macht dem Karnevalisten Tilly in Abwesenheit den Prozess. Die jetzt vor Gericht vorgetragenen Vorwürfe sind vielfältig. Besonders eine Arbeit des Künstlers sorgt für Aufregung.
Die russische Justiz hat das umstrittene Strafverfahren gegen den deutschen Bildhauer Jacques Tilly unter anderem wegen Beleidigung von Kremlchef Wladimir Putin mit der Beweisaufnahme fortgesetzt. Richter Konstantin Otschirow ließ sich von der Staatsanwältin aus dicken Aktenordnern gut eine Stunde lang Aussagen von Zeugen und Experten sowie Untersuchungen der Ermittler zu den Vorwürfen gegen den Karnevalisten vortragen.
Beschrieben wurde in der Verhandlung mehrfach in aller Ausführlichkeit ein Karnevalswagen von Tilly aus dem Jahr 2024 mit Figuren von Putin in Uniform und Patriarch Kirill beim homosexuellen Oralverkehr.
Verlesen wurden im Tenor gleichlautende Aussagen von drei Zeuginnen, die sich als gläubige Christinnen nach eigener Darstellung in ihren religiösen Gefühlen verletzt sähen. Auch darauf stehen in Russland hohe Strafen. Verantworten muss sich Tilly, dem der Prozess in Abwesenheit gemacht wird, vor allem wegen Verunglimpfung der russischen Staatsorgane, zu denen neben Präsident Putin als Oberbefehlshaber der Streitkräfte auch Soldaten gehören.
Zeuginnen beklagen Verletzung religiöser Gefühle
Die drei Zeuginnen erschienen selbst nicht vor Gericht, ihre Formulierungen waren mit wenigen Nuancen fast gleich im Wortlaut – bis hin zu der Feststellung, dass Tilly bei all seiner Kritik am russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine mit der Beleidigung des Oberhaupts der russisch-orthodoxen Kirche und von Präsident Putin zu weit gegangen sei. Einer der vielen Vorwürfe lautete auch auf Propaganda von Homosexualität - das ist in Russland verboten -, dargestellt ausgerechnet mit Figuren des Kremlchefs und des Kirchenoberhaupts.
Die Frauen gaben auch an, sie hätten von dem Strafverfahren gegen Tilly gehört und sich dann freiwillig gemeldet als Zeuginnen, nachdem sie sich die Darstellung des Sexualverkehrs zwischen den Figuren Putin und Kirill im Internet angesehen hätten. Die Staatsanwältin trug aus den Ermittlungsakten zudem Interviewaussagen Tillys zu seiner Kritik an Putins Krieg gegen die Ukraine vor. Dabei ging es immer wieder auch um Vorwürfe gegen die russischen Streitkräfte wegen der Tötung ukrainischer Zivilisten. Den Ermittlungsakten zufolge wird Tilly nicht zuletzt Hass auf Russen vorgeworfen.
Verfahren soll im März fortgesetzt werden
Nach solchen Anschuldigungen sind in Russland schon viele Kriegsgegner der von Putin befohlenen Invasion der Ukraine verurteilt worden. Die Entscheidungen stehen international als Unrechtsurteile der russischen Willkürjustiz in der Kritik.
Der Prozess soll am 16. März, 13.30 Uhr Ortszeit (11.30 Uhr MEZ) mit dem Abschluss der Beweisaufnahme und den Plädoyers fortgesetzt werden. Bei einer Verurteilung drohen Tilly eine Geldstrafe oder bis zu zehn Jahre Haft.