Die Vorgänger bevorzugten China und Japan
Dass Merz in Ahmedabad so herzlich empfangen wurde, dürfte damit zusammenhängen, dass er anders als seine Vorgänger bei seiner ersten Reise in den östlichen Teil Asiens nicht erst nach China als wichtigstem Wirtschaftspartner und Japan als einzigem asiatischen Verbündeten in der G7 wirtschaftsstarker Demokratien reiste. In einer neuen Weltordnung, in der Großmächte wie die USA, China und Russland vor allem an die eigene Machtfülle und nicht an ein einvernehmliches Miteinander denken, ist Merz auf der Suche nach neuen und breiteren Allianzen.
Mit 19 Absichtserklärungen und acht konkreten Ankündigungen sollen die Beziehungen zu Indien nun gefestigt werden - von der Zusammenarbeit beim Abbau seltener Erde bis zur Förderung des Hockey-Nachwuchses in beiden Ländern. Die wichtigsten Ergebnisse des Besuchs betreffen aber die Bereiche Handel, Fachkräfte und Rüstung.
Wirtschaft: Freihandelsabkommen bis Ende Januar?
Merz hofft darauf, dass das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien bei einem Gipfeltreffen am 27. Januar in Neu-Delhi unterzeichnet werden kann. Dieses Abkommen sei dringend nötig, um das volle Potenzial der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Indien ausschöpfen zu können, sagte er. «Diese Chance dürfen wir und wollen wir nicht ungenutzt lassen.»
Fachkräfte: Schon 170.000 indische Arbeitskräfte angeworben
Die Anwerbung von Fachkräften aus Indien gilt jetzt schon als Erfolgsgeschichte und soll vor allem im Gesundheits- und Pflegebereich vorangetrieben werden. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Inder in Deutschland ist zwischen 2015 und 2025 nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit von knapp 25.000 auf knapp 170.000 gestiegen. Und mit knapp 60.000 kommt die größte Gruppe ausländischer Studentinnen und Studenten schon jetzt aus Indien.
Rüstung: U-Boot-Geschäft kurz vor dem Abschluss
Die wichtigste Absichtserklärung ist aber wohl die über die Kooperation der Rüstungsindustrien. Verträge über konkrete Projekte wurden zunächst nicht abgeschlossen. Indien will aber zusammen mit dem deutschen Unternehmen Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) in Mumbai sechs U-Boote im Wert von acht Milliarden Euro bauen. Die Unterzeichnung einer Vereinbarung darüber wird in Kürze erwartet und könnte ein Türöffner für weitere Kooperationen sein.
Indien gilt nach der jüngsten Statistik des Friedensforschungsinstituts Sipri als größter Rüstungsimporteur der Welt. Zwischen 2019 und 2023 bezog das Land aber immer noch 36 Prozent seiner Rüstungsgüter aus Russland - auch wenn die Tendenz rückläufig ist. Deutsche Rüstungsexporte nach Indien könnten also auch die Abhängigkeit von Russland verringern. Darauf setzt Merz.
Kein erhobener Zeigefinger wegen Russland
Im Verhältnis zu Russland finden sich derzeit die wohl größten Differenzen zwischen beiden Ländern. Modi pflegt zu Moskau mindestens genauso gute Beziehungen wie zu westlichen Ländern wie Deutschland. Erst im Dezember war der russische Präsident Wladimir Putin in Neu-Delhi und wurde dort von Modi schon am Flughafen mit einer innigen Umarmung begrüßt. Solche Bilder gab es mit Merz nicht.
Das Land bezieht einen Großteil seines Öls und Gases aus Russland, das wiederum die Einnahmen in den Angriffskrieg gegen die Ukraine steckt. Merz zeigte angesichts des hohen Energiebedarfs in Indien ein gewisses Verständnis dafür. «Mein Eindruck ist, wenn Sie diese Abhängigkeit reduzieren können, dann werden sie es tun.» Druck will er jedenfalls nicht ausüben. «Wenn Sie Druck ausüben, ist das nicht das richtige Instrument, eine Partnerschaft auf eine neue Basis zu heben», sagte er. «Ich bin der Letzte, der hier mit erhobenem Zeigefinger Besuche in anderen Ländern macht.»