Die globale Temperatur hob sich zuletzt erschreckend von bisherigen Höchstwerten ab. Klimaexperten halten ein Rekordjahr für nahezu sicher. Schon in einem Jahrzehnt könnte ein Jahr wie 2023 der Normalzustand sein, warnen sie.
Das Jahr 2023 dürfte nach Einschätzung von Experten das global wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen werden. Das laufende Jahr sei auf dem Kurs, die Werte des bisherigen Rekordjahres 2016 zu übertreffen, teilte der EU-Klimawandeldienst Copernicus am Donnerstag (05. Oktober 2023) mit. Ein globales Rekordjahr sei "schon jetzt quasi sicher", sagt auch Dieter Gerten vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).
Nun schon seit etwa einem halben Jahr werde ununterbrochen eine rekordhohe Durchschnittstemperatur der Erdoberfläche registriert, erklärte Gerten der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Sie liege zudem nicht nur minimal, sondern recht deutlich - um mehrere Zehntelgrad - über den bisherigen Rekorden der betreffenden Monate. "Damit befinden wir uns zumindest im Moment sehr nah an einer mittleren Erderwärmung von 1,5 Grad über dem vorindustriellen Wert."
Temperaturen 2023: Rekordwerte zu Wasser und zu Land
Gemäß dem Pariser Klimaabkommen sollte es unbedingt vermieden werden, diese Marke längerfristig zu überschreiten. Bisher lagen die durchschnittlichen Temperaturen 2023 nach den Copernicus-Daten um 1,4 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Im September waren es demnach sogar 1,75 Grad mehr als im vorindustriellen Referenzzeitraum von 1850 bis 1900.
Nach vorläufigen Daten der US-Plattform Climate Reanalyzer liegt die Oberflächentemperatur der Meere im globalen Mittel bereits seit April anhaltend deutlich über den bisherigen Höchstwerten für den jeweiligen Tag. Auch die Kurve für die Lufttemperatur zeigt erschreckende Extreme: So war im September wie auch schon im Juli jeder Tag ein Höchstwert-Tag für das jeweilige Datum in den rund 40 Jahren Aufzeichnung.
Auch der Klimamodellierer Helge Gößling vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven hält es "für fast sicher", dass 2023 global gemittelt das bisher wärmste Jahr sein wird. Die hohen Temperaturen insbesondere seit März seien sehr außergewöhnlich, sie stächen erstaunlich weit aus allen vorherigen Jahren seit Beginn der Messungen heraus. Die langfristige Erwärmung komme hierbei kombiniert mit natürlichen regionalen Schwankungen zum Tragen.
Klimaphänomen El Niño als Temperaturtreiber
Derzeit gewinne das natürliche Klimaphänomen El Niño an Einfluss, erklärte Gerten. Der maximale Effekt dürfte sich demnach ab kommenden Winter und Frühjahr einstellen. Mit wieder merklich sinkenden Temperaturen sei aber auch danach nicht zwingend zu rechnen. Ein El Niño kann die im Zuge der Klimakrise ohnehin stetig steigenden Temperaturen zusätzlich in die Höhe treiben - das bisherige Rekordjahr 2016 zum Beispiel war ein El Niño-Jahr. Gegenstück dazu ist das Phänomen La Niña, das die globale Durchschnittstemperatur drückt.
Die Abfolge von El Niños und La Niñas im tropischen Pazifik sei typischerweise der stärkste Treiber für zufällige Schwankungen der global gemittelten Temperatur, erklärte AWI-Forscher Gößling. "Es handelt sich schlicht um eine sehr große Fläche, die von dieser kräftigen Klimaschaukel betroffen ist."