Im Schatten des Iran-Kriegs entfaltet sich im Libanon ein Krieg, der die Zukunft des Landes bestimmen könnte. Die Sorge vor einer israelischen Besatzung ist groß. Kommt es so weit?
Im Libanon werden dieser Tage Erinnerungen an alte traumatische Erlebnisse wach. Die andauernden israelischen Angriffe in weiten Teilen des Landes, die Hunderttausenden Vertriebenen, die Kampfbereitschaft der Hisbollah, die massive Zerstörung: Wieder einmal ist das Land in einem absoluten Kriegszustand. Mit jedem Tag spitzt sich die Lage weiter zu. Israelische Truppen rücken langsam im Land vor. Die Drohungen werden lauter und die Sorgen der Bewohner immer größer. Kommt es zur israelischen Besatzung im Libanon?
Von Krieg zu Krieg
Seit Anfang März bekriegen sich die vom Iran unterstützte Hisbollah und das israelische Militär wieder gegenseitig. Im Zuge des Iran-Kriegs und als Reaktion auf die Tötung des iranischen obersten Führers Ayatollah Ali Chamenei feuerte die Hisbollah Raketen in Richtung Israel ab. Es war der Startschuss für einen erneuten offenen Krieg zwischen den Erzfeinden, dem zweiten innerhalb von rund zwei Jahren. Frieden herrschte auch dazwischen nicht. Es gab nur eine äußerst brüchige Waffenruhe mit nahezu täglichen Angriffen Israels, Verstößen der Hisbollah und Hunderten Toten vor allem im Libanon.
Israel beherrscht derzeit den libanesischen Luftraum. Es will nach Angaben des Verteidigungsministers Israel Katz bis auf weiteres auch das Gebiet bis zum Litani-Fluss im Südlibanon kontrollieren. Hunderttausende Bewohner könnten nicht dorthin zurück, solange es keine Sicherheit für die Bevölkerung im Norden Israels gebe. Der rechtsextreme israelische Finanzminister Bezalel Smotrich forderte gar, der Fluss müsse Israels neue Grenze zum Libanon darstellen.
Das Waffenruheabkommen nach dem Krieg im Herbst 2024 sah vor, dass sich die Hisbollah hinter den besagten Fluss etwa 30 Kilometer nördlich der israelisch-libanesischen Grenze zurückzieht. Dies ist aber nach israelischer Darstellung ebenso wenig geschehen wie eine von Israel geforderte Entwaffnung der Miliz.
Angst und Sorge vor einer erneuten israelischen Besatzung
Bereits 1982 marschierte das israelische Militär in den Libanon ein. Ziel Israels war es, eine 40 Kilometer breite Pufferzone gegen Terrorattacken auf Israel zu schaffen und die Kämpfer der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) weiter nach Norden zu verdrängen. Als Reaktion darauf gründete sich im Libanon mit Unterstützung des Irans die Hisbollah. Sie sieht sich als Widerstandsbewegung gegen Israel und als Schutzmacht vor allem für die schiitische Bevölkerung. Die Hisbollah hat im Libanon eine Art Schattenstaat etabliert und kontrolliert mehrere Gebiete des Landes, darunter den Südlibanon, die Bekaa-Ebene und die südlichen Vororte der Hauptstadt Beirut. Vor allem aus dem Südlibanon heraus feuert sie Raketen in Richtung Israel.
Im Libanon herrscht die Sorge, dass sich die Geschichte wiederholt. «Die Israelis wollten immer schon den Südlibanon bis zum Litani besetzen», ist Hussein Schueib aus dem Südlibanon überzeugt. «Das war alles bereits geplant», sagt er und drückt damit aus, was viele Libanesen fürchten. Derzeit ist er in einer Notunterkunft in der Hauptstadt Beirut untergekommen.
Der 31-jährige Mohammed Bitar aus dem Küstenort Tyrus will seinen Wohnort hingegen nicht verlassen. Tyrus liegt zwischen der israelischen Grenze und dem Litani. Schon jetzt hat das israelische Militär mehrfach wichtige Brücken im Südlibanon zerstört und damit auch den Zugang zum Rest des Landes deutlich erschwert. Vor einer Besatzung fürchtet sich Bitar eigenen Angaben zufolge aber nicht. «Selbst wenn es hier nichts mehr zu essen gibt, werde ich bleiben», sagt er. Notfalls esse er nur noch Fische aus dem Meer.