Raketen über Dubai, Drohnen über Doha: Irans Angriffe bringen die Golfstaaten in ein Dilemma. Wie lange können sie noch abfangen, ohne selbst zur Kriegspartei zu werden?
Es ist ein Szenario, das die arabischen Golfstaaten lang befürchtet hatten: ein Krieg zwischen den USA und Israel mit dem Iran - der auch die arabischen Länder mit in den Konflikt hineinzieht. Mit Hunderten Raketen und Drohnen greift der Iran seit Samstag unter anderem Kuwait, Katar, Bahrain, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate an. Mit jedem weiteren Angriff drängt sich die Frage auf: Warum schlagen diese Länder nicht zurück?
Zwischen Abschreckung und Zurückhaltung
Die Golfstaaten müssten eine «vorsichtige Balance» schaffen zwischen Abschreckung - also militärischer Stärke gegenüber dem Iran - und Zurückhaltung, sagt Ahmed al-Chusaje, politischer Berater in Bahrain, der Deutschen Presse-Agentur. Denn sie dürfen nicht als passiv oder schwach dastehen, wollen aber einen größeren Krieg auf eigenem Boden unbedingt vermeiden.
Dabei geht es vor allem um einen symbolischen Faktor, der aber auch direkte wirtschaftliche Folgen hat. Länder wie die Emirate, Saudi-Arabien, Bahrain, Katar und Oman haben sich einen Ruf aufgebaut, Inseln der Stabilität zu sein in einer von vielen Konflikten geplagten Region - nicht nur für die eigenen Bürger und ihrer Zufriedenheit wegen, um wiederum politische Stabilität und die eigene Herrschaft zu erhalten. Es geht auch um Touristen und Investoren aus aller Welt, die man nicht verschrecken will. Denn diese sollen helfen, den Umbau der stark von Öl und Gas abhängigen Wirtschaften zu finanzieren.
Schon begrenzte Angriffe sind eine Katastrophe
Nun greift der Iran nicht nur US-Militärstützpunkte am Golf an, Ziel sind auch US-Botschaften, Hotels, Flughäfen, Wohn- und Industriegebiete. Für Metropolen wie Doha, Dubai oder Manama sind auch nur begrenzte Angriffe an solchen Orten und der Image-Schaden eine Katastrophe. In den Emiraten spazierte Präsident Mohammed bin Sajid demonstrativ durch ein Einkaufszentrum in Dubai, als wolle er sagen: Habt keine Sorge, ein paar Raketen halten uns nicht vom Shoppen ab. Auch der Flugverkehr läuft nach Flugstopps vorsichtig wieder an.
Augenzeugen berichten in diesen Städten seit Tagen von lauten Explosionen, die zu hören sind, wenn Raketen und Drohnen am Himmel abgeschossen werden. Die Behörden lassen dabei so wenig Details wie möglich nach außen dringen und sprechen von «begrenzten Attacken» oder «kleinen Bränden», die schnell unter Kontrolle gebracht worden seien. Wer Fotos oder Videos der angegriffenen Orte verbreitet, riskiert, strafrechtlich verfolgt zu werden. Kritik an der Regierung ist in den Emiraten und in anderen Golfstaaten strafbar.
Die Flugabwehr leistet unter anderem in den Emiraten beeindruckende Arbeit - verursacht aber auch astronomische Kosten. Eine Forscherin am Stimson Center in den USA rechnete vor, dass die Emirate allein am Samstag und Sonntag bis zu 2,2 Milliarden US-Dollar für die Luftabwehr mit Patriot-Raketen zahlte. Demnach lagen die Kosten für Irans Angriffe auf das Land dagegen nur bei bis zu 360 Millionen Euro. Der Finanzdienst Bloomberg berichtete, dass der Bestand an Abwehrraketen Katars beim aktuellen Tempo, mit dem iranische Angriffe abgewehrt werden, in nur vier Tagen aufgebraucht sei. Katar und die Emirate wiesen den Bericht als falsch zurück.
US-Truppen lassen Golfstaaten zur Zielscheibe werden
Die Golfstaaten stecken in einem Dilemma: Als Gastgeber Zehntausender US-Truppen sind sie auch durch ihre geografische Nähe zum Iran ein leichtes Ziel für Teherans Vergeltungsangriffe. Greifen sie den Iran ihrerseits an, werden sie zu aktiven Parteien eines Krieges, den sie mit allen Mitteln verhindern wollen.