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Insta-Hype in St. Magdalena: Wie das schönste Dorf Südtirols überrannt wird


Autor: Stefan Lutter

St. Magdalena, Montag, 02. Februar 2026

Ein kleines Dolomitendorf ist durch soziale Netzwerke zum Foto-Hotspot geworden. Jetzt prallen im "schönsten Dorf Südtirols" Overtourism und Alpenidylle aufeinander.
St. Magdalena, das oft als das "wohl schönste Dorf Südtirols" bezeichnet wird, liegt malerisch am Ende des Villnösser Tals und ist umgeben von den imposanten Gipfeln der Geislergruppe. Das kleine Dorf mit rund 330 Einwohnern auf etwa 1.340 Metern Höhe bietet eine einzigartige Kulisse, die besonders auf sozialen Netzwerken wie Instagram, TikTok oder Xiaohongshu weltweit berühmt geworden ist.


Kaum ein Ort in Südtirol steht so sehr für den Instagram-Tourismus wie St. Magdalena. Die schroffe Kulisse der Geislerspitzen, die malerische Kirche und das charmante Dorfleben locken Besucher aus aller Welt. Seitdem der kleine Ort in den Dolomiten als "wohl schönstes Dorf Südtirols" gepriesen wurde, wird es von Besuchern überrannt. Dank sozialer Netzwerke ist das kleine Dorf zu einem Hotspot für Fotojäger, Influencer und Abenteuerlustige geworden.

Doch Overtourism wird zunehmend zum Problem. Zwischen Alpenidylle und Social-Media-Hype prallen Tradition und Zeitgeist aufeinander. Reisebusse, Mietwagen und Selfie-Sticks bestimmen das Bild, während Einheimische um ihre Ruhe fürchten. 

Insta-Hype und Alpenruhe: St. Magdalena als Sehnsuchtsziel

In den letzten Jahren hat sich das einst abgeschiedene Bergdorf mit rund 330 Einwohnern auf etwa 1340 Metern Höhe zu einem der gefragtesten Fotospots Europas entwickelt. Kein Wunder, denn es bietet eine einzigartige Kulisse, die besonders auf sozialen Netzwerken wie Instagram, TikTok oder dem bei jungen und urbanen Nutzern besonders beliebten Social-Media- und E-Commerce-Plattform Xiaohongshu(chinesisch: 小红书, auf Englisch oft "Little Red Book" genannt) weltweit berühmt geworden ist. Die berühmte Kirche, die über dem Dorf thront, ist das Motiv zahlloser Fotos und zieht Besucher aus aller Welt an, insbesondere aus Asien.

Die Anziehungskraft von St. Magdalena am Ende des Villnösser Tals in den italienischen Dolomiten erklärt sich durch das Zusammenspiel aus Natur, Tradition und perfekter Fotokulisse. Der Kirchturm mit den schroffen Felswänden der Geislergruppe im Hintergrund ist zum Sinnbild der Dolomiten geworden. Doch der St.-Magdalena-Hype hat spürbare Folgen: Reisebusse verstopfen die engen Zufahrten, Autos parken wild, und Besucher ignorieren Schilder und Absperrungen. Immer wieder kommt es zu Konflikten, wenn Touristen private Höfe betreten oder Müll hinterlassen. Die Situation ist für viele Einheimische belastend – einige denken bereits laut darüber nach, ihre Höfe zu verkaufen.

Mietwagen, oft mit deutschen Kennzeichen, parken kreuz und quer, wenn die wenigen offiziellen Stellplätze belegt sind. Der Fußweg zur Kirche, eigentlich ein beschaulicher Spaziergang, wird von vielen Besuchern ignoriert – sie fahren mit dem Auto vor, obwohl die Zufahrt für Fremde gesperrt ist.

"Ich wusste sofort: Da muss ich hin"

St. Magdalena wurde vom Magazin "Geo" als das "wohl schönste Dorf Südtirols" bezeichnet, und genau das lockt mittlerweile Touristen aus aller Welt an. Besonders auffällig ist der starke Anstieg von Gästen aus Asien, nachdem ein großer chinesischer Telekommunikationskonzern das idyllische Alpendorf in einer großangelegten Werbekampagne als Traummotiv inszenierte. Die sozialen Netzwerke, allen voran Instagram, verstärken den Besucheransturm. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) berichten Han Gengai und Li Shangxi, zwei Studentinnen aus Peking, das Foto der Kirche von St. Magdalena im Internet gesehen zu haben: "Ich wusste sofort: Da muss ich hin", wird die 24-jährige Han (24) von der dpa zitiert.

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Früher, als die Leute noch Urlaubsgrüße mit der Post verschickten, hätte man die idyllische Ansicht des Dorfs als großartiges Postkarten-Motiv bezeichnet. Bei Leuten wie Han heißt das nun "instagrammable". Die Jagd nach dem perfekten Bild fürs Instagram-Konto beschränkt sich längst nicht mehr auf die klassischen Städte-Reiseziele wie Venedig oder Amsterdam, die schwer unter "Overtourism" leiden. Immer mehr treibt es Foto-Touristen nun in die Natur.

Die Tourismusindustrie unterstützt den Trend. Reiseveranstalter bieten Touren an, die morgens noch Romeo und Julia in Verona zeigen und am Nachmittag schon den Fotospot in St. Magdalena ansteuern. Die Gebühr für einen Busparkplatz im Dorf wurde bereits auf 250 Euro erhöht – doch das schreckt kaum jemanden ab. Der Kampf gegen den Massentourismus wird übrigens auch in anderen italienischen Hotspots sichtbar: Rom erhebt nun Eintrittsgeld für den Besuch des Trevi-Brunnens.

Eines der berühmtesten Fotomotive in Südtirol

Die Kirche St. Magdalena zählt zu den berühmtesten Fotomotiven in Südtirol. Das Dorf hat seinen Namen von der Kirche übernommen, die als zentrales und ältestes Gotteshaus des Ortes seit Jahrhunderten den Siedlungsnamen prägt. Historischen Überlieferungen zufolge wurde das Gebiet im hinteren Villnösstal nach der Gründung und Benennung der Kirche als "St. Magdalena" bezeichnet. Eine lokale Sage erzählt, dass ein Bach ein wundersames Bildnis der heiligen Magdalena an den Ort spülte, wo später die Kirche erbaut wurde – auch das trug zur Namensgebung bei.

Der erste Kirchenbau des Dorfs wurde bereits 1394 erwähnt, erhalten blieb daraus jedoch nur der Kirchturm. Das heutige Langhaus stammt aus dem Jahr 1492 und ist ein typischer spätgotischer Saalbau mit barocken Elementen im Inneren, wie die Gemeinde Villnöß informiert . Besonders beliebt ist der Blick auf die Kirche vor der eindrucksvollen Kulisse der Geislerspitzen – einer markanten Dolomitenkette, deren Hauptgipfel, der Sass Rigais, eine Höhe 3025 Meter erreicht. Die Geislerspitzen gelten als Wahrzeichen des Tales und werden auf Ladinisch "Odles" – Nadeln – genannt, wie das Tourismusportal des Villnösstals berichtet.

Ein weiteres ikonisches Fotomotiv stellt das Kirchlein St. Johann in Ranui dar. Es wurde 1744 gestiftet, ist dem heiligen Johannes Nepomuk geweiht und misst nur wenige Meter in Länge und Breite. Der barocke Sakralbau mit seinem Zwiebelturm befindet sich rund 100 Meter südwestlich des Ranuihofs auf 1352 Metern Höhe. Die malerische Lage auf den Ranuiwiesen am Talschluss mit den Geislerspitzen im Hintergrund macht das Kirchlein zu einem der meistfotografierten Motive im Alpenraum.

Beliebte Fotomotive in St. Magdalena

Auch der Panoramablick vom Sunnseitnweg auf das Villnösstal erfreut sich auf Instagram großer Beliebtheit. Von hier aus bieten sich laut Tourismusportal villnoess.com den Fotografierenden spektakuläre Aussichten auf das gesamte Tal und die umliegenden Berge.

In der Umgebung von St. Magdalena und im gesamten Villnösstal finden sich darüber hinaus zahlreiche Bauernhöfe und Almen. Allein rund um Villnöß gibt es etwa zehn bewirtschaftete Almen, die neben regionalen Spezialitäten auch spektakuläre Aussichten bieten, wie der Proihof beschreibt. Die Bauernhöfe prägen das Landschaftsbild – von uralten Höfen auf sonnigen Mittelgebirgsterrassen bis zu hochgelegenen Bergbauernhöfen in den Wäldern, erklärt Roter Hahn. Die beliebtesten Motive für Instagram-Fotos in der Übersicht:

Balanceakt zwischen Touristenströmen und Alltagsleben

Als Reaktion auf die Probleme wurden neben der drastischen Erhöhung der Busparkgebühren zahlreiche Maßnahmen eingeführt. Privatbereiche werden mit Seilen und neuen Schildern abgegrenzt, eine Schrankenanlage mit Kameraüberwachung soll die Zufahrt zur Kirche kontrollieren. Letzteres zeigt bisher nicht den gewünschten Effekt. Wie der ORF Ende Januar 2026 auf Instagram berichtet, werde nun eine zweite Schranke in St. Magdalena installiert. Der Grund: Die erste werde "häufig umfahren". Laut ORF hätten nun nur noch Einheimische und Hotelgäste freien Zugang. Andere Touristen müssten einige hundert Meter zu Fuß gehen - "das soll abschreckend wirken, hofft die Gemeindeverwaltung von Villnöß", heißt es in dem Insta-Beitrag.

Dennoch bleibt die Sorge, dass die Maßnahmen nicht ausreichen könnten, um den Besucheransturm zu bändigen. Auf regionaler Ebene gibt es Bestrebungen, Tourismus und Natur besser in Einklang zu bringen. St. Magdalena gilt als Vorreiter für Slow Food Travel in Südtirol. Die örtlichen Almen und Bauernhöfe bieten regionale Küche, traditionelle Feste und Einblicke in das alpine Leben. Das Naturparkhaus Puez-Geisler im Dorfzentrum vermittelt Wissen über Geologie, Flora und Fauna und will Anreize für naturnahes Reisen setzen, wie das Online-Informationsportal Suedtirolerland berichtet.

Abseits der Hauptsaison zeigt sich St. Magdalena von einer anderen Seite. Im Winter locken Langlaufloipen, Schneeschuhrouten und eine Naturrodelbahn. Der kleine Skilift ist vor allem bei Familien und Sportgruppen beliebt. Wanderungen über den Almenweg 2000 oder zu den Verselleralmen bieten vielfältige Naturerlebnisse. Die Region rund um das Gsiesertal setzt bewusst auf sanften Tourismus, wie Pustertal.org berichtet. Viele Unterkünfte in St. Magdalena sind inhabergeführt, von urigen Bauernhöfen bis zu kleinen Hotels. Die Gastgeber pflegen den Kontakt zu ihren Gästen und informieren über respektvolles Verhalten in der Natur. Auf Plattformen wie Tripadvisor werden die familiäre Atmosphäre und die Authentizität des Dorfes häufig positiv hervorgehoben

Sogar Reinhold Messner war schon hier

Nicht nur Besucher aus dem Ausland, sondern auch Einheimische schätzen die Ursprünglichkeit des Tals. Der Adolf-Munkel-Weg, der an den Füßen der Geislergruppe entlangführt, und die Zanser Alm gehören zu den Wanderhighlights. Selbst Bergsteigerlegende Reinhold Messner sammelte hier einst erste Erfahrungen, erklärt das offizielle Tourismusportal des Villnösstals (Funes) stolz.

Die Herausforderungen bleiben groß: Der Spagat zwischen internationalem Ruhm und ländlicher Lebensqualität ist schwierig. Die Gemeinde setzt darauf, durch Umweltbildung, Besucherlenkung und nachhaltige Angebote langfristig Lösungen zu finden. St. Magdalena bleibt also trotz aller Widrigkeiten ein Sehnsuchtsort. Die Schönheit und Ruhe des Ortes ziehen weiterhin Gäste an – vorausgesetzt, sie bringen Respekt für Mensch und Natur mit, so Geo.

Im Skigebiet Madonna di Campiglio in den Dolomiten wurde kürzlich erstmals beschlossen, die Anzahl der Skipässe zu begrenzen, um überfüllte Pisten und lange Wartezeiten zu vermeiden. Die Maßnahme soll mehr Platz auf den Pisten garantieren und die Skierfahrung für Wintersportler verbessern, indem maximal 15.000 Tages-Skipässe pro Tag verkauft werden. Auch die Preise für Skihütten und Verpflegung sorgen bei Wintersportlern für Diskussionen: In Arabba und Alta Badia schockt zum Beispiel der Preis für ein Sandwich auf den Hütten der Dolomiten.

Eine Analyse zeigt, welche Sehenswürdigkeiten in Deutschland und Europa als die fotogensten Hotspots gelten und besonders viele Besucher und Fotografen anziehen. Das Ranking basiert auf Faktoren wie TripAdvisor-Bewertungen, Instagram-Hashtags und TikTok-Suchvolumen und listet die ikonischsten Fotomotive und Wahrzeichen auf, die Reisende und Influencer gleichermaßen begeistern. sl/mit dpa