Bleiben - trotz Todesgefahr
Wer bleibt, kann nun dank der Tonnen an Hilfslieferungen mit Lebensmitteln, Medikamenten, Hygieneartikeln und Kraftstoff etwas aufatmen. Manche in Oleschky sind vom Fleisch gefallen, andere leben noch vergleichsweise gut von eigener Ernte. Strom gibt es von Solaranlagen, die oft zu sehen sind - meist neben den Häusern, weil die Dächer durch Drohneneinschläge zerstört sind.
Eine 71-Jährige erzählt auf ihr Fahrrad gestützt, dass sie bleibe, weil sie zu alt sei, um zu gehen. Sie kümmert sich auch um ihren 22-jährigen Enkel, der ein Bein verloren hat. Und der russische Staat zahle eine gute Rente: 31.000 Rubel (344 Euro) monatlich - deutlich mehr als in der Ukraine.
Viele harren aus, weil sie andere, die nicht gehen wollen oder im Krankenhaus liegen, nicht im Stich lassen wollen. Aber mancher wie der frühere Lehrer Oleh werden nachdenklich. «Wenn so viele gehen, wird es nicht einfacher hier», sagt er. Oleh zeigt sich dankbar für die internationale Aufmerksamkeit, die Melania Trump Oleschky beschert hat. «Das hilft sehr.» Moskaus Außenministerium hat zu der vom Verteidigungsministerium organisierten Reise in die Frontstadt auch ausländische Medien eingeladen, darunter die Deutsche Presse-Agentur.
Komplizierte Evakuierung
Die Menschen konnten beim Abschied von Oleschky wählen zwischen Bussen mit der Aufschrift Ukraine oder Russland. Diejenigen, die sich für ein Leben unter ukrainischer Führung entschieden haben, konnten nicht den kurzen, aber verminten Weg über den Dnipro auf die andere Seite im Gebiet Cherson nehmen. Stattdessen führte der Weg über die Krim und die russische Schwarzmeerstadt Anapa.
Auf dem Weg raus aus der Todeszone stechen vor allem die vielen Ruinen ins Auge. Und die über die Straße gespannten Abfangnetze für die Drohnen.
Vier russische Militärmaschinen flogen Kiews Missionschef Lubinez und die Geretteten nach Gomel in Belarus. Von dort ging es in Bussen weiter über die Grenze in die Ukraine. Der älteste Flüchtling sei 94, der jüngste ein Jahr alt, erzählt Lubinez nach der Ankunft. Auch Hunde, Katzen, ein Papagei und sogar ein Waschbär seien mit im Tross gewesen.
Leiden in Oleschky geht weiter
Die 50 Jahre alte Wera erzählte noch in Oleschky, dass sie sich am meisten auf ihren 30 Jahre alten Sohn freue, der in Polen lebe. Seit Kriegsbeginn hat sie ihn nicht gesehen. Sie und ihr Mann Sascha wollen ein neues Leben in Mykolajiw anfangen. «Da gibt es auch endlich wieder Arbeit für uns», sagt der 60-Jährige.
In Oleschky aber drohen nach der bis Sonntagabend angesetzten Waffenruhe neue Kämpfe. Allgegenwärtig bleibt für die Menschen dort neben der Mangelversorgung vor allem die Gefahr, von einer Drohne getroffen zu werden oder auf eine Mine zu treten.