«Und dann ist es ja auch eine eigene Freude an solchen langen Aufführungen, dass man sich dem unterwirft und sagt: "Das ist jetzt ein Marathon, den mache ich jetzt mit und ich schaue mal, was es mit mir macht."» Ihr mache es Freude, sich dann auch selbst zu beobachten. Was passiert mit einem bei Stunde fünfeinhalb? Was mache die Dauer mit der eigenen Seherfahrung?
Man brauche die Bereitschaft, sich auf einen solchen Abend einzulassen. «Man wird dann belohnt», findet Hertlein-Hull. «Dieses Durchhalten hat einen Befriedigungsfaktor. Das Publikum jubelt ja meistens am Ende einer Marathonaufführung. Die, die noch da sind, sind so stolz auf sich und empfinden dann auch Euphorie. "Wir haben das jetzt gemeinsam durchgemacht." Das hat noch mal so ein extra erhabenes Moment.»
Was sich nach der Pandemie zeigte
Beim Theatertreffen - einem der wichtigen Bühnenfestivals - lädt eine Jury jedes Jahr die zehn «bemerkenswertesten» Inszenierungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nach Berlin ein. Das Festival läuft vom 1. bis 17. Mai. Viele Tickets waren schnell weg, auch für den «Wallenstein». «Also die Länge scheint niemanden abzuhalten», sagt Hertlein-Hull. Sie rät: Vorher etwas essen. Es gibt auch Catering, denn in den sieben Stunden sind drei Pausen eingeplant.
Nach der Pandemie habe man gemerkt, dass das Theatergefühl «vernetflixt» worden sei. Nach ihrer Beobachtung kamen Theaterabende auf die Bühne, die sehr konsumierbar und kürzer waren. Man habe ein Angebot machen müssen, das mit der Unterhaltung auf dem heimischen Sofa habe mithalten können.
«Das durfte vielleicht auch nicht zu anstrengend sein oder nicht zu fordernd. So konnte man die Leute dann auch wieder zurückgewinnen. Und jetzt kann man vielleicht wieder ein bisschen mehr Experimente wagen.» Jetzt traue man sich wieder mehr, Theater als ausladendes Live-Event anzusetzen.
Seit wann es lange Inszenierungen gibt
«Ich würde das verorten mit der Geburt des sogenannten Regietheaters in den 70er, 80er Jahren. Eben dort, wo der kreative Zugriff einer Regieperson an Bedeutung gewinnt», sagt Hertlein-Hull. Das Theater sei aus seiner Unterhaltungs- und Bildungsfunktion herausgehoben und in einen eigenen ästhetischen Anspruch, einen eigenen gesellschaftlichen Ausdruck überführt worden, für den man sich dann auch Zeit genommen habe. Beispiele seien Regie-Titanen von Peter Stein bis Frank Castorf. Robert Wilsons «Einstein on the Beach» von 1976 habe auch vier, fünf Stunden gedauert.
«Dem Zuschauer etwas zumuten wollen - dieses Gefühl schwingt da auch mit. Weil es ist ja eine Zumutung, von jemandem sechs Lebensstunden zu erwarten im Theater», sagt Hertlein-Hull. «Ich habe wirklich großen Respekt und eine große Liebe zu dem Publikum, das sich dem unterwerfen möchte, das auf so etwas Lust hat. Es ist wirklich ein Geschenk, dass man von jemandem diese Lebenszeit bekommt, um diese Art von Kunst präsentieren zu dürfen.»