Welche Geschichten werden über Frauen im mittleren Alter erzählt? Schauspielerinnen beklagen, dass die Rollen oft noch rar und einseitig sind. Dabei gibt es ein Beispiel, wie es besser geht.
Das hat schon eine gewisse Ironie. Schauspielerin Annika Ernst («Der Bergdoktor») hat sich noch nie so wohlgefühlt in ihrem Körper, trotzdem wird gerade jetzt ihr Alter zum Thema. Vor ein paar Wochen machte die 47-Jährige öffentlich, dass sie sich lange jünger ausgegeben hatte. Als sie früher mal an einer Castingshow teilnahm, sei sie älter als die meisten Konkurrentinnen gewesen. Die Produktion habe sie kurzerhand drei Jahre jünger gemacht.
«Ich habe jahrelang geglaubt, jünger sein zu müssen, um weiter besetzt zu werden», sagt die Schauspielerin der Deutschen Presse-Agentur. Es sei eine Schwindelei gewesen, «eine Schummelei, meinetwegen auch eine Lüge». Aber das Spiel wolle sie nun nicht mehr mitspielen.
Die Geschichte, die diesen Sommer aufkam, wirft ein Schlaglicht auf ein größeres, ein strukturelles Problem. Schauspielerinnen kritisieren, dass es mit steigendem Alter für sie weniger Film- und Fernsehrollen gibt. Und die Charaktere dann oft einseitig seien.
Rollenangebot: Großmama?
«Es gibt die patente Omi, die dann auf die Enkel aufpasst», sagt Schauspielerin Gesine Cukrowski. Aber dass wirklich eine Frau zentral in der Erzählung sei, finde kaum statt. Und wenn, seien es oft tragische Krankengeschichten. Wenn sie ihre Kolleginnen befrage, welche Rollen ihnen mit Ende 50, Mitte 60 angeboten würden, seien es großteils Figuren mit Demenz. Die einseitigen Rollenangebote spiegelten nicht die Lebensrealität wider.
«Es steht uns einfach zu, dass wir älteren Frauen auch eine adäquate Abbildung bekommen», sagte Cukrowski vor einigen Wochen bei einem Empfang in Berlin. «Wenn wir uns umschauen: Was haben wir denn in unserer Gesellschaft für wahnsinnig tolle Frauen?» Ein Viertel der Gesellschaft seien Frauen über 47. «Das sind 21 Millionen Geschichten, die nicht erzählt werden. Und was bleibt uns? Diese Abziehbilder.» Das müsse sich ändern.
Ähnlich sieht es Ernst. «Ich wünsche mir, dass Frauen mit 45 oder 50 genauso selbstverständlich Hauptfiguren sein dürfen wie Männer. Denn das entspricht der Realität unseres Lebens.» Sie kenne viele tolle ältere Frauen, die unglaublich viel im Griff hätten und Macherinnen seien. «Und ich finde, das wird bei den Fernsehrollen nicht so gewürdigt.»
Zu oft werde suggeriert, dass Frauen mit 39 Jahren ihren Höhepunkt überschritten hätten. Dabei beginne danach oft die spannendste Lebensphase. Nach Klarstellung ihres Alters habe sie viele verständnisvolle Rückmeldungen bekommen - vielleicht ein Zeichen, dass die Zeit reif sei für ein Umdenken.