Und nun? Bei "Hart aber fair" wird über das Wahl-Ergebnis in Sachsen-Anhalt diskutiert - mehr noch darüber, ob und wie die AfD zu regieren gedenkt. Ungewöhnlich: Selbst der ruhige Philipp Amthor verliert zwischendurch die Contenance.
Die Nerven liegen recht blank bei der CDU. Trotzdem ist Philipp Amthor zunächst ziemlich gelassen und nachdenklich, als er am Montagabend in der ARD-Talkshow "Hart aber fair" ein wenig langatmig über die Gründe nachsinnt, die zum hohen Wahlverlust seiner Partei bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt am Sonntagabend geführt haben.
Ob das jetzt eine Zäsur gewesen sei, will Moderator Louis Klamroth von ihm wissen. Amthor, etwas müde wirkend, hebt an zu erklären: Ja, irgendwie schon, aber auch irgendwie nicht. Die AfD habe die Landtagswahlen gewonnen, die CDU verloren. "Das ist erst einmal ein Wesensmerkmal der liberalen Demokratie. Das ist normal, dass man auch abgewählt werden kann." Es dauert lange, bis ihm der stellvertretende AfD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Markus Frohnmaier, darauf antworten kann, weil erstmal alle anderen Gäste etwas sagen dürfen. Und irgendwie hat man den Eindruck, dass beide nicht merken, dass Frohnmaier fast dasselbe sagt.
Warten, bis man von Klamroth aufgerufen wird
Amthor wirkt ein wenig wie Robert Habeck, der zu Beginn einer Antwort noch nicht weiß, wohin ihn seine Gedanken geführt haben werden, wenn er zum Ende kommt. Dabei fallen so Sätze wie: "Hier bei diesem Wahlergebnis liegen die Fehler offensichtlich bei uns. Das muss man anerkennen." Aber: "Daraus folgt, und das ist der Unterschied, für mich eben nicht eine Resignation. Sondern die vielen Menschen, die sich in Deutschland im Moment auch Sorgen machen darüber, dass eine nach Sicht des Verfassungsschutzes gesichert rechtsextreme Partei jetzt wahrscheinlich eine Regierung bilden kann, dass sich da Menschen Sorgen machen um die Demokratie, um die Frage, wie funktionieren unsere Institutionen, denen geben wir auch eine Stimme und sagen: Das ist ein Wahlergebnis, das unsere Institutionen und die Demokratie nicht gefährdet, sondern wir arbeiten für eine funktionierende Demokratie und Verfassungsordnung. Die haben wir auch."
Stimmt ja gar nicht, würde Frohnmaier am liebsten sofort dazwischenrufen, grinst stattdessen immer wieder leicht kopfschüttelnd in die Kamera. Jetzt muss er aber erst den anderen zuhören, und das sind gewohnt viele bei "Hart aber fair". Aber als er dann endlich dran ist, kommt er auf die Institutionen zu sprechen: "Ich fand es wirklich erstaunlich, und das hat ja nicht nur der Kanzler gesagt, dass es darum geht, die Institutionen zu respektieren. Auch Kollege Amthor hat das gesagt. Also wenn ich mit einem abgewählten Deutschen Bundestag quasi handstreichartig die Verfassung ändere, um die Schuldenbremse auszuhebeln, dann respektiere ich Institutionen nicht. Und ich glaube, dass wir dann solche Lehrmeisterei als AfD auch gar nicht benötigen."
Ines Schwerdtner: Die Linken haben "drei Leuchttürme in einem blauen Meer" gebaut
Da hatte sich der Ton in der Runde schon deutlich verschärft. Dafür hatte vor allem Linken-Chefin Ines Schwerdtner gesorgt. Die weiß: Der Wahlkampf ist noch nicht vorbei, denn es wird noch woanders gewählt, in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Klamroth will wissen, warum die Linke nicht vom Kanzlerfrust in der Bevölkerung profitieren konnte. Stattdessen antwortet Schwerdtner ausweichend. "Ich finde es erstmal wichtig zu sagen, dass die Wut der Menschen berechtigt ist", sagt Schwerdtner. Und zu Amthor: "Also dass 58 Prozent der Menschen der Bundesregierung einen Denkzettel gegeben haben mit dieser Wahl, das sollte Ihnen eigentlich noch mal mehr zu denken geben. Sie haben gesagt, sie wollen die Reformen, den Sozialkahlschlag, weiter fortsetzen. Das ist einer der Hauptgründe, warum die Menschen so wütend und so frustriert sind." Ein anderer Vorwurf Schwerdtners an Amthor, der sich aus dem Stimmengewirr schält: "Haben Sie dem Bundeskanzler mal zugehört? Dass Sie das nicht merken, das ist arrogant! Wie er seit Monaten die Leute im Land beschimpft ..."
Die AfD würde indes nur Politik für die Reichen machen und den anderen Menschen nicht helfen, sagt Schwerdtner weiter. Die Linken schon. Und damit werden sie weitermachen: Heizkosten checken, von Haustür zu Haustür gehen, mit den Menschen reden, im Chemiedreieck und auch sonst. "Es gibt eine langfristige Strategie, um die AfD zu besiegen, und wir haben's gezeigt." Was sie meint: In drei Städten Sachsen-Anhalts haben die Linken Direktmandate geholt, "in einem blauen Meer rote Leuchttürme gebaut", sagt Schwerdtner.
Amthor warnt: "Für das Land Sachsen-Anhalt wäre es eine Katastrophe, ins Chaos abzugleiten"
So geht es eine ganze Weile weiter, bis Klamroth dann endlich zur entscheidenden Frage kommt: Wie die AfD eigentlich regieren wolle, wo sie doch im sachsen-anhaltinischen Landtag genauso viele Abgeordnete habe wie CDU, SPD, Grüne und Linke zusammen, 39 nämlich.