Selten war der Fortbestand der NATO so gefährdet wie jetzt. Kaum jemand hätte sich vorstellen können, dass der Auslöser für so eine Krise einmal die USA sein würden. Doch wie sollte Europa in der Grönland-Frage reagieren? Das will am Sonntagabend Caren Miosga in der ARD von ihren Gästen wissen.
Noch nie waren die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Europäischen Union schlechter. Verantwortlich dafür ist US-Präsident Donald Trump. Der hat acht EU-Länder mit Strafzöllen belegt, nachdem diese seine Annexionspläne für die dänische Teilkolonie Grönland kritisiert hatten. Frankreich hat inzwischen Vergeltungszölle gegen die USA gefordert und gemeinsam mit Deutschland und England seine Solidarität mit Dänemark beteuert, das für die Außen- und Sicherheitspolitik Grönlands verantwortlich ist.
In den nächsten Tagen findet ein EU-Sondergipfel statt. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat auf X geschrieben, worum es geht: "Wir werden stets unsere strategischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen schützen." US-Präsident Trump sieht das völlig anders: "Wenn wir Grönland nicht einnehmen, werden es Russland oder China tun, und das werde ich nicht zulassen", sagte Trump in einem Interview. Noch will Trump Grönland kaufen. Sollten die Vereinigten Staaten versuchen, Grönland militärisch zu besetzen, könnte nicht weniger als die Existenz der NATO auf dem Spiel stehen.
Ischinger: "Ich dachte, das sind kleine Ablenkungsmanöver"
Bei "Caren Miosga" in der ARD geht es ebenfalls um das Thema. Am Sonntagabend hat die Moderatorin Martin Schulz eingeladen. Der ehemalige SPD-Kanzlerkandidat war fünf Jahre lang EU-Parlamentspräsident und ist um deutliche Worte nicht verlegen. Ebenfalls zu Gast ist Wolfgang Ischinger, der lange seine Solidarität mit den USA bekundet hat. Der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz war unter anderem Botschafter in den Vereinigten Staaten. Ebenfalls zu Gast ist Rieke Havertz, internationale Korrespondentin der "Zeit".
"Das ist eine Wende in der internationalen Politik, die man in dieser Form noch nie erlebt hat", sagt Schulz in der Sendung. Er spricht von der größten Krise der NATO. "Der NATO-Vertrag sieht vor, dass sich alle gegenseitig beistehen. Jetzt droht das größte NATO-Mitglied einem anderen Land gegebenenfalls mit militärischer Gewalt. Das ist eine dramatische Veränderung der internationalen Politik durch einen Mann, der sichtlich glaubt, keine Grenzen mehr zu kennen."
"Ich habe es falsch eingeschätzt", sagt Wolfgang Ischinger, als ihn Moderatorin Miosga auf ein Interview kurz nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten anspricht. Da hatte er das Thema Grönland nicht ernst genommen. "Ich dachte, das sind kleine Ablenkungsmanöver."
Schulz zu Trump: "Wenn du uns so kommst - wir sind vorbereitet"
Inzwischen habe das Grundvertrauen, dass die Europäer in das amerikanische Schutzversprechen gehabt hätten, schweren Schaden genommen, analysiert der Diplomat. "Ich kann mir vorstellen, dass es für jede Regierung in Europa schwerer sein wird, Verständnis zu finden für gemeinsame Aktivitäten mit Amerika, wenn die nicht automatisch und dramatisch in unserem Interesse sind."
Martin Schulz sieht eine Verbindung zwischen der Strafzollankündigung Trumps und der Unterzeichnung des europäisch-lateinamerikanischen Mercosur-Vertrages, den er ein "ermutigendes Zeichen für Europa" nennt. Gleichzeitig weist er auf die Zollunion zwischen der EU und den USA hin: "Der Trump kann nicht einfach sagen, diese acht Länder zahlen jetzt andere Zölle." Kokolores würde er gerne die Drohungen Trumps nennen, wenn die Lage nicht so ernst wäre. Schulz fordert: Die Europäische Union muss jetzt zusammenstehen. "Unsere Wirtschaftsmacht ist 450 Millionen Verbraucherinnen und Verbraucher in einer der reichsten Regionen der Erde, in die auch viele amerikanische Unternehmen exportieren."