Loïc Meillard ist der Gott des Gemetzels, Linus Straßer poltert über Olympia, und Atle Lie McGrath will zu Fuß nach Norwegen laufen: So war die Slalom-Entscheidung bei den Herren.
Die letzte Entscheidung im Ski alpin der Herren steht an. In Bormio geht es durch den Stangenwald. Dieser Slalom werde ein "Gemetzel", so hatten es ein paar Fahrer vor Rennbeginn prophezeit. Sie sollten vielleicht in Aktien investieren oder Lotto spielen: Von den Top 30 Startern erwischt es in Durchgang eins nämlich bereits elf.
Darunter den Franzose Paco Rassat, die Italiener Alex Vinatzer und Tommaso Sala (obwohl ihr Trainer den Lauf gesteckt hat), Kitzbühel-Sieger Manuel Feller und Lucas Pinheiro Braathen, der im Riesenslalom das erste Gold für Brasilien bei olympischen Winterspielen geholt hatte. Der Samba-König trägt's mit Fassung: "Ich habe die Technik vergessen", gibt er freimütig zu. Sagt aber auch, dass die guten und schweren Erfahrungen das Rezept für seinen Erfolg seien. Für seine Goldmedaille. Und wird dann poetisch: "Ich habe eine Sonne an meiner Jacke." Da wird Amelie Stiefvatter ganz neidisch.
Ein Haitianer ist Slalom-König der Herzen
Wie schon beim Drama in der Damenabfahrt steht die Journalistin mit Marco Büchel am Pistenrand. Den Live-Stream im Internet kommentiert Bernd Schmelzer, in Durchgang zwei emotional unterstützt von Felix Neureuther. Die beiden schließen sich, weil die Medaillenchancen für Linus Straßer nach Rang 12 im ersten Lauf eher gering sind, spontan dem Richardson-Viano-Fanclub an.
Viano wer? Nun, der 23-Jährige startet für Haiti. Der Inselstaat ist mit genau zwei Athleten bei den Spielen vertreten. Der andere ist Langläufer Stevenson Savart, der im Skiathlon 64. wurde. Viano ist mehr als doppelt so gut: Er landet am Ende auf Rang 29 und schneidet damit besser ab als - wir erinnern uns - Braathen, Feller und Vinatzer. Und ein paar anderen großen Namen, dazu gleich mehr.
Nach dem Schneetreiben im ersten Lauf kommt plötzlich die Sonne heraus, sie scheint nicht mehr auf Braathens Jacke, sondern auf Linus Straßer. Aber der ist nicht so der Sonnenanbeter, wie es scheint, und bringt auch diesen Lauf nicht ordentlich ins Ziel. Man hört förmlich, wie Felix Neureuther und Bernd Schmelzer synchron ins Mikro beißen. "Es war ois angerichtet", heult Neureuther.
Straßer deutet Rücktritt an: "Ich kann darauf verzichten"
Straßer selber heult nicht. Er ist einfach genervt. Nicht von der Piste oder der Kurssetzung, sondern von der Stimmung. "Du hast keine Interaktion mit den Zuschauern", stellt er fest. "Wenn das der Genuss von Leistungssport ist, bin ich froh, dass es mein letztes Mal war."
War das gerade eine Rücktrittserklärung? Vorm Fernseher hält man den Atem an. Doch Amelie Stiefvatter geht vorsichtshalber darüber hinweg. Straßer hat derweil noch etwas Luft und setzt hinzu: "Es ist absolut steril. Ganz ehrlich: Ich kann darauf verzichten!"