Vor 70 Jahren begann in einem kleinen Theater in Lugano die Geschichte des Eurovision Song Contest. Damals war der Wettbewerb, der heute zu den größten Unterhaltungsevents weltweit gehört, vor allem eines: ein kühnes TV-Experiment.
Heute ist der Eurovision Song Contest ein globales TV-Spektakel - mit Millionenpublikum, Fanlagern und politisch aufgeladenen Punktevergaben. Als vor 70 Jahren erstmals der "Grand Prix d'Eurovision de la Chanson" über die Bühne ging, war davon allerdings noch nichts zu ahnen: Am 24. Mai 1956 startete in Lugano ein Experiment, das eigentlich vor allem eines sein sollte: gutes Fernsehen. Die European Broadcasting Union (EBU) wollte mit einem neuen Musikwettbewerb beweisen, wie grenzüberschreitendes Live-TV funktionieren konnte - und schuf dabei ganz nebenbei eines der langlebigsten Unterhaltungsformate Europas.
Die Idee für den Wettbewerb war am 19. Oktober 1955 bei einer Generalversammlung der Europäischen Rundfunkunion gefallen. Europa befand sich noch im Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, die öffentlich-rechtlichen Sender suchten nach einem Projekt, das technisch anspruchsvoll war - und zugleich ein Zeichen europäischer Zusammenarbeit setzen konnte. Vorbild war das italienische San-Remo-Festival, das bereits große Erfolge feierte. Doch der neue "Grand Prix d'Eurovision" sollte mehr sein als ein Musikwettbewerb: Er war von Beginn an als Fernsehereignis gedacht - als Leistungsschau eines Mediums, das damals noch jung war und seine Möglichkeiten erst entdeckte.
Dass die Wahl auf die Schweiz als ersten Gastgeber fiel, hatte praktische Gründe. Das neutrale Land verfügte über eine moderne und funktionierende TV-Infrastruktur - ideale Voraussetzungen für ein Format, das vor allem eines beweisen sollte: dass europaweite Live-Übertragungen funktionieren konnten. Der erste ESC war damit weniger Pop-Spektakel als technisches Pionierprojekt. Dass daraus einmal das größte Unterhaltungsevent des Kontinents werden würde, konnte damals noch niemand ahnen.
Sieben Länder mit je zwei Beiträgen traten an
Der erste ESC fand im Teatro Kursaal in Lugano statt, im italienischsprachigen Schweizer Kanton Tessin. Heute erinnert dort kaum noch etwas an das historische Ereignis: Das Gebäude wurde 2001 abgerissen, an seiner Stelle steht nun das Casinò Lugano. Durch den Abend führte der Schweizer Moderator Lohengrin Filipello - bis heute der einzige männliche Solomoderator in der Geschichte des Wettbewerbs.
Was damals noch fehlte: Glamour, Pyrotechnik und große Bühnenshows. Stattdessen herrschten strenge Regeln. Die Songs durften maximal dreieinhalb Minuten dauern, nur Solokünstler waren erlaubt, getanzt wurde nicht. Im Mittelpunkt stand allein die Musik - begleitet von einem 24-köpfigen Live-Orchester.
Sieben Nationen waren bei der Premiere dabei: Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg, die Niederlande, die Schweiz und die Bundesrepublik Deutschland. Andere heutige ESC-Stammgäste wie Großbritannien, Dänemark und Österreich hatten schlicht die Anmeldefrist verpasst. Jedes Land durfte zwei Beiträge ins Rennen schicken - insgesamt waren es also 14 Songs.
Für Deutschland traten Freddy Quinn mit "So geht das jede Nacht" und Walter Andreas Schwarz mit "Im Wartesaal zum großen Glück" an. Gastgeber Schweiz mit Lys Assia und Luxemburg mit Michèle Arnaud setzten dagegen jeweils auf eine Sängerin mit zwei Liedern.