Die 113. Tour de France läuft. Schon nach zwei Etappen ist Deutschlands große Radsport-Hoffnung Florian Lipowitz ein wenig ins Hintertreffen geraten. Die deutsche Rad-Legende Jan Ulrrich ist nicht verwundert - im Gegenteil.
Nach zwei Etappen der 113. Tour de France fährt Florian Lipowitz (25) in der Gesamtwertung schon hinterher. Der Vorjahresdritte hat schon Rückstand. Auf den in den Gesamtwertung Führenden, Jonas Vingegaard (29), 45 Sekunden und auf den zweitplatzierten Vorjahressieger Tadej Pogacar (27) 39 Sekunden. Lipowitz liegt "nur" auf Platz acht.
Er sieht es relaxed. "Die ersten Tage einer Rundfahrt sind immer hart", sagte er in der ARD nach der zweiten Etappe am Sonntag. Und noch einer ist von den Anlaufschwierigkeiten nicht überrascht. Jan Ullrich (52), einziger Sieger der Frankreichrundfahrt aus Deutschland, sagt: "Der große Erfolg ist nie noch einmal so leicht wie beim ersten Mal. Weil jetzt guckt die ganze Welt zu."
Ullrich weiß, wovon er spricht. 1996, bei seiner ersten Tour-Teilnahme, fuhr er sensationell auf Platz zwei und stand plötzlich im Rampenlicht. In der neuen Staffel der ARD-Dokumentationsserie "Mythos Tour" sagte Ullrich in Teil eins ("Die Pogacar - Jäger"): "Der erste Erfolg ist sehr schön, den nimmt man noch mit - aber dann kommt der Druck."
Ullrich hielt zunächst stand, er siegte 1997, aber danach kam die Krise. Ullrich sagt zwar, er habe sich den größten Druck immer selbst gemacht. Aber Rolf Aldag (57), jahrelang Ullrichs Team-Kollege und "Wasserträger" und bis Ende 2026 Sportdirektor in Lipowitz' Red-Bull-Bora-hansgrohe-Team, sagt in der Doku: "Wenn du im ersten Jahr Dritter geworden bist, ist im nächsten Jahr Vierter kein Ziel."
Lob vom Ex-Profi: "Lipowitz ist ein V8-Motor, eine Reisenmaschine"
Fluch der guten Tat: Für die breite Öffentlichkeit fuhr Florian Lipowitz, ehemaliges Biathlon-Talent und erst seit 2023 Radprofi, bei der Tour 2025 aus dem Nichts ins Spotlight. Er wurde hinter den Radsport-Dominatoren Pogacar und Vingegaard sensationell Dritter der Gesamtwertung und holte zudem nach dreiwöchiger Tour-Strapaze das weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers. Das Problem, so Ullrich: "Jetzt erwartet man von ihm schon viel."
Der Erwartungsdruck ist das eine, die körperliche Verfassung das andere. Aber es zählt noch mehr dazu. Ullrich: "Wie bist du mental drauf? Wie geht er mit den Medien um?" Lipowitz gibt in der Doku zu: "Wenn man als eher introvertierte Person im Rampenlicht steht, hat man eher ein bisschen zu kämpfen." Aber Aldag sagt: "Die Erwartung der Öffentlichkeit muss man akzeptieren."
Da hatte auch Jan Ullrich damals seine Schwierigkeiten. Aber nicht nur in dieser Hinsicht gibt es Ähnlichkeiten. Aldag: "Die Parallelen zu einem frühen Jan Ullrich sind unglaublich." Aldag meint vor allem die Leistungsfähigkeit im Hochgebirge. Deren Motto lautet "Je länger und schwerer, umso besser". Die Entscheidung suchte nicht Ullrich und sucht auch nicht Lipowitz im kurzen, schnellen Antritt am Berg, sondern im beständigen, kilometerlangen Extremklettern.