"Wir haben in Deutschland den Schlag nicht gehört", glaubt Harald Lesch. Der TV-bekannte Physiker erregte sich bei einem Auftritt im BR über Mängel beim Hitzeschutz - und über eine ausbleibende Trauer angesichts Tausender Hitzetote.
Die Hitzewelle, die Deutschland ab Juni heimgesucht hat, ist inzwischen abgeebbt. Harald Lesch aber bringen die Ereignisse der vergangenen Wochen noch immer in Rage. "Ich bin ziemlich geschockt darüber, dass man über die Menge an Toten, die wir in Deutschland haben durch diese Hitzewellen, nicht wenigstens trauernd spricht", sagte der aus diversen ZDF-Formaten bekannte Physiker und Wissenschaftsjournalist in der Sendung "Der Sonntags-Stammtisch" des BR.
Lesch nannte die zuletzt gemessenen Rekordtemperaturen eine "Hitzeflut", vergleichbar mit der Ahrtal-Flut von 2021. 6.830 Tote hatte der letzte Wochenbericht des Robert-Koch-Instituts ergeben (Lesch unterlief aufs Stichwort von Moderator Hans Werner Kilz ein Zahlendreher, beide nannten die Zahl: 6.380), "und niemand spricht darüber", echauffierte sich der Naturwissenschaftler. Es gebe keine öffentliche Diskussion. Es werde nicht gefragt, was mit Blick auf die nächste Hitzewelle zu tun sei. Lesch: "Es wäre ein großartiger Bericht gewesen, wenn Menschen von den Notaufnahmen interviewt worden wären, um mal wirklich ein Live-Bild darüber zu haben, was sich in den letzten Wochen in den deutschen Krankenhäusern abgespielt hat."
Der 65-jährige "Terra X"-Moderator bezeichnete die Auseinandersetzung mit dem Thema Hitze als "institutionell unterentwickelt". Doch nicht nur öffentliche Stellen nahm er bei seinem BR-Auftritt in die Pflicht: "Wir brauchen die richtige Haltung der Gesellschaft zum Thema Klimawandel."
Harald Lesch: "Wir haben in Deutschland den Schlag nicht gehört"
Immer noch werde darüber diskutiert, ob es den Klimawandel überhaupt gebe, anstatt der Wissenschaft an der Stelle zu vertrauen. Die weise seit Jahrzehnten auf die Zusammenhänge zwischen Klimaerwärmung und Extremwettereignissen hin. "Wir können eine Checkliste machen: Jawohl, wir haben wieder recht gehabt, wir haben wieder recht gehabt, wir haben wieder recht gehabt", sagte Lesch, und trotzdem passiere zu wenig.
"Wir haben in Deutschland den Schlag nicht gehört", ist Lesch überzeugt. Nach wie vor gebe es keine ausreichende Anpassung an die großen Hitze-Ereignisse, etwa in Schulen und Büros. Spätestens für den Herbst forderte er eine große Aufarbeitung: "Was ist in diesem Jahr alles falsch gelaufen? Nicht um einen Schuldigen zu identifizieren, sondern um Fehler zu identifizieren, die wir nie wieder machen sollten." Ein Fazit steht für ihn allerdings schon jetzt fest: "Das, was in Deutschland passiert ist mit 6.830 Hitzetoten, ist ein Skandal ersten Ranges. Das hätte uns niemals passieren dürfen."
Auch wenn die Temperaturen in Mitteleuropa aktuell nicht geeignet sind, einen Notstand zu beschreiben, könnte sich das bald wieder ändern. Laut Meteorologen droht Ende Juli schon die nächste Hitzewelle mit Temperaturen bis 40 Grad.
Quelle: teleschau – der mediendienst