Mit "Tatort: König in Gelb" kehrt der Kultkrimi aus einer vier Monate dauernden Sommerpause zurück. Maria Furtwängler spielt am Abend ihres 60. Geburtstages Kommissarin Charlotte Lindholm in einem Film über Demenz. Sowohl ein mutmaßlicher Serienkiller als auch sein Jäger sind daran erkrankt.
Seit dem 10. Mai gab es keinen neuen Sonntagabend-Premium-Krimi im Ersten mehr. Die längste "Tatort"-Sommerpause der TV-Geschichte ist aber nun vorbei, und die neue Saison 2026/27 startet mit einem starken Geburtstagsfilm. Zufall oder nicht: Kommissarin Lindholm-Darstellerin Maria Furtwängler (seit 2002 im Amt) feiert just am Ausstrahlungstag ihren 60. Geburtstag. Da braucht es natürlich einen starken Fall. Und genau der ist dem klugen Filmemacher Alexander Adolph (Buch und Regie) mit "Tatort: König in Geld" geglückt. Subtil und dennoch ungeheuer spannend erzählt der Film vom großen Vergessen bei Tätern und Ermittlern. Man kann sich aussuchen, welche Rolle einem "lieber" wäre.
Charlotte Lindholm wird ins niedersächsische Kleinhude gerufen - in ein sogenanntes Demenzdorf. Hier will man Menschen mit Demenz ein normales Alltagsleben ermöglichen. Eine Patientin ist tödlich gestürzt - oder könnte es doch Mord gewesen sein? Diese Theorie bekräftigt ein Kollege Charlotte Lindholms, Matthias Vogel (Andreas Lust). Er ist seit vielen Jahren einem Serientäter auf der Spur und glaubt ihn im dementen Pflegeheim-Bewohner Gustav König (Thomas Thieme) gefunden zu haben. Hat der prominente Musikpädagoge, mittlerweile verstummt, früher ein Doppelleben geführt? Kaum jemand, der den sanften Patienten im Hier und Jetzt kennt, kann sich das vorstellen.
Matthias Vogel hat jedoch noch ein anderes Problem. Der Ermittler leidet selbst unter einer beginnenden Demenz und ist vom Dienst freigestellt. Kann er Charlotte Lindholm davon überzeugen, seinen sich verlierenden Spuren in Richtung des etwaigen Serienmörders nachzugehen?
Was ist tragischer: Ein dementer Serienkiller oder Ermittler?
Es ist ein kühnes Gedanken-Experiment, das Alexander Adolph, Erfinder von "München Mord", hier vollzieht: Nicht nur der Hauptverdächtige des "Tatorts" ist schwer dement, auch dem Befeuerer der Mordtheorie können Charlotte Lindholm und die Zuschauer nicht so recht trauen. Trotzdem schafft es der Film, eine spannungsgeladene Atmosphäre zu erschaffen. Sie beginnt im Demenzdorf und mit einem ungewöhnlichen Verdächtigen: Ist Gustav König, der abwesend und fast wie ein Neutrum wirkt, überhaupt noch fähig dazu, einen Mord zu begehen? Oder ist schon die Spur dieses Krimis falsch, weil die Beweise von einem Ermittler zusammengetragen wurden, der selbst keine rechte Ordnung mehr im Kopf hat? Thomas Thieme in einer kleinen, aber wirkungsvollen Rolle sowie der großartige österreichische Schauspieler Andreas Lust ("Tatort: Die ewige Welle") sind Idealbesetzungen für zwei der faszinierendsten Rollen der jüngeren "Tatort"-Geschichte.
Bei einem solchen Film bleibt auch die Reflexion über den allgemeinen Verfall nicht aus. Charlotte Lindholm - seit 24 Jahren im Dienst - versucht vergeblich ihre Mutter zu erreichen. Irgendwann taucht diese auf - und mit ihr ihre mittlerweile 88-jährige Schauspielerin Kathrin Ackermann, im echten Leben die echte Mutter Maria Furtwänglers. Seit längerer Zeit ist sie mal wieder dabei.
"Tatort: König in Gelb" ist ein atmosphärischer Thriller, der auch Traditionalisten des Who-Dunnit-Krimis zufriedenstellen wird. Alexander Adolph, der auch Kunstkrimi kann, ist ein Film gelungen, der doppelbödig ist: einerseits erzählt er klassisch von Verdächtigen und Ermittlern, denen nicht zu 100 Prozent zu trauen ist, was das Mitraten und Abwägen spannend macht, andererseits reflektiert der Film über den Verfall und das Vergessen. Man könnte sich beispielsweise fragen, was schlimmer ist: ein Mörder, der seine abscheulichen Taten vergisst, oder ein Ermittler, der wegen seiner Demenz die Spur zum Mörder verliert, sodass dieser seiner Strafe entgeht.
Demenzkrimis liegen im Trend
Demente Ermittler gibt es in der jüngeren Krimigeschichte übrigens einige: In der unterschätzten dritten Staffel der HBO-Anthologie-Krimireihe "True Detective" spielt Mahershala Ali einen Detective, dessen Geschichte auf drei Zeitebenen erzählt wird - 1980, 1990 und in der bereits von Demenz geprägten Gegenwart 2015. Auch deutsche Krimis arbeiteten zuletzt mit der Thematik: In "Tödliche Schatten" (2024, ARD) spielte Walter Sittler einen Kommissar, dessen vaskuläre Demenz (kleine Schlaganfälle) nach und nach sein Gehirn zerstören. In der Miniserie "Das Vergessen" (ARD) wird Julia Koschitz im Oktober 2026 das Verschwinden ihrer 17-jährigen Nichte untersuchen, während sie selbst die Diagnose einer frühen Form von Alzheimer erhält.